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In der Buchhandlung von
Carl Gerold & Sohn in Wien
ist zu haben:
Dietl, Ferd. Adolf, Taschenbuch zur leichten und schnellen Namensb« -
stimmung sämmtlicher im Kronlande Steiermark kultivirten Reben-
sorten, nebst erschöpfender Nachweisung über jede ein: Ine Sorte,
mit Benützung der besten Werke des In- und Anuslandes und eigner
10jährigen Beobachtungen und Erfahrungen. Mit 4 Ste.n "ı ıcktafeln.
8. 1850. geh. dee; 9 Ngr.
Dolliner, G., Enumeratio plantafum phanerogamicarum in A»
erescentinm. 8. maj. 1842. br. 1. 1.28 rt
Endlicher, Stephan, Catalogus horti academiei Vir: "es
12. maj. 1834 br. 2 8, ICE
—. — die Medizinal- Pflanzen der österre:chischen ‚> rLırıc,
Handbuch für Aerzte und Apotheker. gr. 8. 1842. br.
58.
— — und Franz Unger, Grundzüge der Botanik.
5 fl.
Höss, Fr., gemeiufassliche Anleitung, \ie Bäume und Ströu 1 er
aus den Blättern zu erkennen. Zum Selbstunterr'chte en
Mit 10 Kupfertafeln. 16. 1830. geb. 2 fl. 30 kr. — Rh.
— -—— das Nöthigste über den innern Bau der Organe un] ı e
tigere Verrichtungen in Holzgewächsen. gr.8. 1833. 30kr. — 6
Linnaei, Caroli, epistolae ad Nicolaum Josephum Jacqun ex au
edidit Car. Nie. Jos. Eques a Schreibers C.F. Prae” “us esı
adjecit Stephanus Endlicher. 8. maj. 1841. br.
In Aseckr — Rı ua
Lindley, John, Theorie der Gärtnerei, oder Versuch, di vcız
Verrichtungen in der Gärtnerei nach physiolog. Grundsätzen =. e
klären. Aus dem Englischen übersetzt von C.G. Mit einer Vorredı
Anmerkungen und einem Anhange versehen von einigen Freundei
der Hortikultur. 2. Aufl. gr. 8. 1847. br. 2 fi. 40 kt. — 2 Rt
ı
Paradisus Vindobonensis. Auswahl von seltenen und schönblühenden
Pflanzen der Wiener Gärten und verschiedenen andern interessanten
Naturgegenständen in naturgetreuen Abbildungen von A. Hurtiger,
erläutert von St. Endlicher und Ed. Fenzl. 1. Band mit 60
colorirten Kupfertafeln. Imp.-Fol. 1847. 80 Rth.
2. Band. 1.—4. Heft a 4 Rth.
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Botanische Briefe.
Von
D" FE UNGER.
LIBRARY
NEW YORK
BOTANKAL
WIEN.
Verlag von Carl Gerold & Sohn.
1852.
An
meinen Freund S. L.
in 2.
"LIBRARY
NEW YORK
BOTANKCAL
Lieber Freund! GaRD:
Auch im geistigen Leben herrschen, wenn ich
auch nicht sagen will — Instinkte, wenigstens Nöthi-
gungen, denen man sich vergeblich zu entschlagen
sucht, wenn ihre Reife eingetreten ist.
Eine solche Nöthigung ist es unter andern, die
uns von Zeit zu Zeit antreibt, nachdem wir in ver-
schiedenen Richtungen mit unseren Gedanken vorwärts
gedrungen, und uns in Einzelheiten verloren haben,
wieder umzukehren, und das auf mannigfaltigen We-
gen Gewonnene zu sammeln, es zurecht zu legen und
uns darüber zu erfreuen.
Dieses Bedürfniss fühlend, bin auch ich wieder
einmal von vereinsamten Pfaden der Wissenschaft, die
A
ich, unbekümmert um das Nebenliegende, verfolst
habe, zurückgekehrt, um zu sehen, wo ich mich ei-
gentlich befinde, und wie weit ich wohl in dieser oder
jener Richtung vorgedrungen sein mochte. Das Er-
gebniss dieser wissenschaftlichen Selbstschau
liegt hier vor Dir.
Tausend Dinge haben sich seit einer Reihe von
Jahren daran geknüpft, sind damit verwachsen, so
dass ich wohl sagen kann, es ist mir dieser mehr
durch Zufall als durch Absicht herbeigeführte Erguss
nicht blos zu einer Verstandes-, sondern zugleich zu
einer Herzensangelegenheit geworden.
Du bist es, lieber Freund, der von manchem
meiner erfolgreichen Schritte im Gebiete der Natur-
wissenschaften Zeuge war, der vielleicht unbewusst
dazu meine Kräfte anfeuerte und unterstützte, — Du
bist es, ich mag es nicht verhehlen, dem auch meine
Irrfahrten nicht unbekannt geblieben sind. An wen
andern könnte ich wohl diese Blätter richten, als an
Dich, — wer wird sie besser verstehen, milder beur-
theilen, als Du?
‚Ich habe zwar in einer Weise zu Dir gesprochen,
die man vielleicht unphilosophisch nennen könnte, und
Dir gegenüber am allerwenigsten passend ist; allein
da ich an diesem Gespräche auch Andere Theil neh-
VII
men lassen wollte, namentlich solche, die nicht mit
dem Zunftnamen eines Botanikers prunken, so habe
ich mich einer Ausdrucksweise bedient, die keinem
Gebildeten fremd sein wird, und ihn gewisser Massen
tändelnd in die Esoterik der Pflanzenkunde
f
einzuführen gesucht.
Wärest Du wie in einer früheren glücklichen Zeit
um mich, so hätten wir das, wie es so oft geschehen,
in peripatetischer Weise abgethan. Die Entfernung
von Dir, und das Bestreben, dieselbe wenigstens für
Augenblicke zu nichte zu machen, haben mir die Fe-
der in die Hand gegeben.
Im Schatten traulicher Wälder, zwischen den Blu-
men der Felder, auf freundlichen Höhen, fluthen die
Gedanken und Gefühle anders, als zwischen den been-
genden Mauern und im Geräusche zerstreuender Be-
schäftisungen, daher Du in diesen Briefen manches
vermissen wirst, was eine tiefere Fülle und einen hö-
heren Schwung der Gedanken beurkundet. Dass aber
auch manches zu leicht berührt, zu aphoristisch be-
handelt und daher der gemeinsamen Auffassung viel-
leicht sogar entzogen ist, könnte mir allerdings zum
Vorwurfe gereichen, wenn ich überhaupt hierbei die
Absicht verrathen hätte, ein Compendium der Pflan-
zenkunde zu schreiben, als vielmehr eine Skizze dieser
VII
Wissenschaft zu entwerfen, wie sie in diesem Augen-
blicke vor meinem Geiste schw t. — |
Welche erfreuliche Hof zen ich von den Na-
turwissenschaften überhaupt für die allgemeine Bil-
dung des Menschcı.‚2schlechtes hege, mag der ab-
strakte Denker dem vorzugsweise mit der sogenannten
materiellen Seite der Natur Vertrauten ‘u Gute halten.
Dies Bestreben, was ich als eines von der Zeit her-
vorgerufenes betrachte, verdient jedenfalls Beachtung,
ja selbst die Unterstützung des Philosophen.
Auf welchem Wege wir aber immerhin fertschreiten
wollen, wird es an Selbsttäuschungen noch lange nicht
fehlen, und wenn auch der Naturforscher eher geneigt
ist, das Ufer des unbegrenzten Oceans dort zu suchen,
wo sich auch nur ein Nebelstreifen zeigt, so hat ja der
Philosoph nur zu oft dasselbe Schicksal mit ihm ge-
theilt, wähnend einen festen Ankergrund erfasst zu ha-
ben, wohin ihn bloss der Drang seines Schmerzes trieb.
Im Februar 1852.
INHALT.
Seite
Erster Brief. — Bestimmung der Botanik ......... se. snecceece 1
Zweiter Brief. — Die Flementartheile der Pflanze... ..........» 8
Dritter Brief. — Genesis der Zelle...........--.ecncenereenuee 22
Vierter Brief. — Verkittung der Zellen, Veränderungen in Folge
res Wachsthumes’ .. ir se.eocdstessone some nun eeanaeiee ns a hne 29
Fünfter Brief. — Chemismus der Pflanze ......-.srseeeucnuennns 38
Sechster Brief. — Aufnahme und Vertheilung der Nahrungsstoffe,
Ausscheidung des Wassers ......o-.sssesseoenennnnsunrnne nenn 48
Siebenter Brief. — Assimilationserscheinungen ........rrr 4.0: . 96
Achter Brief. — Gestaltung der Pflanze. Grundorgane... .....+: 62
Neunter Brief. — Die Pflanze als beblätterte Achse ........ ,
Zehnter Brief. — Blattformationen ......+.....-.urne=-rnenanere 75
Eilfter Brief. — Architektonik. Phyllotaxis..........-- RR RER 84
Zwölfter Brief. — Fortpflanzung ........2rrerensserneencnnnene 96
Dreizehnter Brief. — Sprossbildung. Generationswechsel........ 109
Vierzehnter Brief. — Einheit der Gattung und der höheren Ka-
a us nn nen nn ae en ne ei 119
X
Fünfzehnter Brief. — Das Pflanzenreich in seiner räumlichen Aus-
dehnung. (Geographie der Pflanzen)... .....ocrocoooscoonuss . 128
Sechzehnter Brief. — Das Pflanzenreich in seiner zeitlichen Er-
scheinung. (Geschichte der Pflanzenwelt) ........2.cecccoene0on 139
Siebenzehnter Brief. — Wesen der Pflanze. — Anknüpfung an |
die »Schöpfunesideesp seen. Bee Are ee naeleteseie Aa PER.
ERSTER BRIEF.
BESTIMMUNG DER BOTANIK
Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass die Naturwissen-
schaften sich dermalen vor allen andern auf der Arena intel-
lektueller Fähigkeiten in den Vordergrund drängen und vor-
zugsweise die Richtung des Weges bezeichnen, den der
menschliche Geist in seiner Entwicklung einzuschlagen ver-
sucht. Diese Wissenschaften hängen dabei so innig an einan-
der, unterstützen und durchdringen sich so vielfältig, und
vergrössern auf solche Weise ihr Kraftmoment so sehr, dass
man wahrlich Mühe hat zu zweifeln, sie würden in ihrer Ver-
einigung und auf der betretenen Bahn nicht eher zu einem
erheblichen Resultate gelangen, als es nach anderen Richtungen
hin bisher der Fall war.
Die Erforschung der Natur und ihrer Wirksamkeit ist
überdies ein so erhabenes Feld geistiger Gymnastik, dass es
dem frischen, unverdorbenen Sinne die angemessenste Uebung
und die zweckmässigste Vorschule erhöhter Kraftanwendung ist.
Wenn die Menschheit auf ihrem bisherigen Gange der
Kultur die Naturwissenschaften mehr abseits liess, oder wo
sie dieselben aufnahm mit vielen fremdartigen Elementen durch-
webte, so liegt das vielleicht eher in der Hast, womit sie
Botanische Briefe, 1
2
das Ziel ihres Denkens und Trachtens zu erreichen suchte,
als in dem Mangel der Ueberzeugung, dass die Lösung schwie-
rigerer Probleme jener der einfacheren weichen müsse.
Indess haben sogar auch jene Kenntnisse, die sich mit
der allereinfachsten Auffassung der Natur nach ihrer körper-
lichen Seite befassten, dasselbe Loos mit allen übrigen Natur-
wissenschaften getheilt, so dass man gestehen muss, dieselben
seien nicht weniger denn diese als Kinder der jüngsten Zeit
zu betrachten.
Mineralogie, Botanik und Zoologie stehen diesfalls ganz
auf gleicher Stufe. Was sie sind, sind sie erst in letzterer
Zeit geworden. — Möge es mir erlaubt sein die zweite der
genannten Wissenschaften, nachdem mehrere andere Natur-
wissenschaften vor dem grösseren Publikum bereits ihre Ver-
treter fanden, zu besprechen, sie nach ihrem dermaligen Ge-
halte etwas näher zu prüfen, und zu zeigen, wie sie sich im
Verbande nicht nur ihrer nächsten Stammverwandten, sondern
selbst im Kreise aller übrigen Naturwissenschaften ausnimmt.
Die Theilnahme, welche man allenthalben der scientia amabilis
von jeher schenkte, mag es entschuldigen, wenn ich dieselbe
— natürlich in ihrem neuesten Sonntagsgewande — vorzufüh-
ren mir erlaube.
Wenn man der Bestrebungen gedenkt, welche vorzüglich
in den letzten Decennien eine Menge von Naturforschern be-
seelten, sich über den Umfang und die Ausdehnung des Be-
reiches der Gewächse, über ihren Gestaltenreichthum, über das
organische Getriebe, ja selbst über ihre verschiedenen Schö-
pfungsphasen Aufklärung zu verschaffen, so kann man den
Fortschritt der botanischen Wissenschaft nicht anders als einen
3
sehr erfolgreichen bezeichnen. Zu diesem günstigen Resultate
haben allerdings nicht bloss Botaniker im engeren Sinne des
Wortes beigetragen, sondern gewiss eben so viel Physiker,
Chemiker, Geognosten, Geologen u. s. w. Von vielen Seiten
haben sich nicht bloss neue Fragepunkte herausgestellt, an
die man früher gar nicht dachte, sondern sie haben auch theil-
weise ihre Lösung gefunden, oder dieselbe ist doch wenigstens
auf das Zweckmässigste eingeleitet worden. Die bescheidenen
Anforderungen, die man ehedem an einen Pflanzenkundigen
stellte, haben sich bedeutend erweitert, und die alleinige Be-
kanntschaft mit der Coiffure, Uniform, Rang und Würde der
Nachkommenschaft der fruchtbarsten Göttin Griechenlands, die
noch zu Linnde’s Zeiten den Schlussstein aller botanischen
Erudition bildete, ist bei dem vielfältigen Umbaue dieses wis-
senschaftlichen Gebäudes eher bei Seite geschafft oder für die
fundamentalen Anlagen, und das nur im beschränkten Sinne,
benutzt worden.
Das Pflanzengebäude der Neuzei- ist daher nach einem
ganz veränderten Plane ausgeführt und hat daher auch eine
von der früheren ganz verschiedene Richtung und Bestimmung
erhalten.
Wenn auch die Anforderungen an die nominelle Kennt-
niss der Pflanzen vorläufig dieselben geblieben sind, wenn
die Unterscheidung derselben bei dem fort und fort wachsen-
den Materiale und immerwährend vor sich gehenden Ent-
deekungen neuer Formen ohne Einhalt fortgeführt und die
Enrolirungsregister in gutem Stande erhalten werden müssen,
so hat doch diese Beschäftigung seit geraumer Zeit nicht aus-
schliesslich alle Thätigkeit der Botaniker in Anspruch genom-
1*
4
men. Durch zweckmässige Vertheilung der Arbeit ist es so-
gar möglich geworden, dass einige derselben wohl gar daran
denken konnten, was es denn mit den Dingen, die man Pflan-
zen nennt, eigentlich für Bewandtniss habe, worin ihr Leben
und Weben bestehe, was sie an die Aussenwelt knüpfe und
was endlich ihre Bestimmung im grossen Haushalte der Na-
tur wohl sein dürfte, — Fragen, die weit über den bisherigen
Horizont der Botanik lagen.
So wie man sich aber diesen Untersuchungen über die
Natur der Pflanzen hingab, war auch der Uebertritt in ein
anderes Gebiet von selbst erfolgt. Allein so lange diese Fra-
gen in ihrer Allgemeinheit gestellt blieben, waren die Ant-
worten darauf nicht viel mehr als abstrakte, unsichere Träu-
mereien; erst nachdem man angefangen hat, sie in ihre ein-
zelnen Probleme aufzulösen, das Allgemeine von dem Beson-
deren zu trennen, konnte ein günstiger Erfolg nicht lange auf
sich warten lassen. Diese glückliche Wendung der Botanik
gehört erst der jüngsten Zeit an, und der Erfolg ihrer Bestre-
bungen ist in dem Masse gesichert, als sie eine Physik des
Pflanzenorganismus zu werden trachtet.
Wie weit man noch von diesem Ziele entfernt ist, zeigt
auch schon die flüchtigste Durchmusterung der botanischen
Literatur, in der es zwar nicht an voluminösen Werken, einen
ganzen Bibliothekssaal auszutäfeln, dabei aber an einem Büch-
lein fehlt, in welchem auch nur die gewöhnlichsten Erschei-
nungen des Pflanzenlebens auf eine einigermassen befriedigende
Weise erklärt wären. Was Tausende von Pflanzenfreunden
aller Zonen, was Reisende aus den entlegensten Winkeln der
Erde an Pflanzenschätzen nicht selten mit Aufopferung ihres
Lebens, in Museen, Pflanzengärten u. s. w. zusammenge-
schleppt, was der sorgsame Fleiss gesichtet und geordnet,
alles das kann immerhin nur als ein Material für eine erst zu
unternehmende wissenschaftliche Erforschung betrachtet wer-
den. Nicht anders ist es mit den Erfahrungen, welche die
Beschäftigung mit der Kultur der Pflanzen, sei es nach dieser
oder jener Richtung, bisher erworben hat. Weder die Land-
wirthschaft noch die Forstkultur, weder Obstzucht noch Gar-
tenbau ist bis jetzt über die dürftigste Empirie hinausgekom-
men, und nehmen leider noch Zeit und Kräfte in Anspruch,
die einer vortheilhafteren Verwendung fähig wären. Doch wa-
rum wundern wir uns hierüber, da wir uns doch eingestanden
haben, selbst über die einfachsten Vorgänge im Pflanzenleben
noch im Dunkeln zu sein. Seit wann wissen wir denn, und
das nur beiläufig, wie sich die Pflanze ernährt, wie sie wächst,
sich vermehrt und fortpflanzt? Kennen wir auch nur von
einem einzigen Gewächse die schrittweise Veränderung ihrer
Form und Beschaffenheit von dem Anfangspunkte ihres Wachs-
thumes bis zur Vollendung ihrer Dauer? Ist nicht auf die-
sem grossen Felde wissenschaftlicher Erkenntniss für den Bo-
taniker eben so viel zu thun, als für den Geographen im In-
nern Afrika’s und Australien’s ?
Doch wir wollen bei dem, was wir vor uns liegen sehen,
nicht mit Verachtung nach rückwärts blicken, wir wollen
nicht undankbar sein gegen unsere Vorgänger, sondern uns
ihrer Vorarbeiten, so mangelhaft sie auch sein mögen, er-
freuen, und dabei bedenken, dass wir nur durch dieselben
einen sicheren Schritt weiter zu thun im Stande sind. Ohne
Zweifel ist schon viel gewonnen in einer unbekannten Gegend
6
auch nur orientirt zu sein, nicht weniger ist es eine Erspar-
niss an Zeit und Kraft, dort nicht einen Ausweg versuchen
oder erzwingen zu wollen, wo er nicht möglich ist. Alles
dies ist bereits geschehen. Wir stehen durch die Gewältigung
der Masse auf freiem Boden. Sind wir dabei auch wieder zu
dem Punkte zurückgekehrt, von dem wir ausgingen, so ist
doch das drückende Gefühl einer unbezwingbaren Macht vor-
über, und wir sind nun im Stande mit erneuter Kraft an das
vorgesetzte Ziel zu gehen.
In diesem Vor- und Rückblicke auf das bereits Errungene
und das was unserem Geiste auf diesem Felde noch zu er-
obern bevorsteht, will ich nun versuchen, Ihnen meine geehr-
ten Leser das Pflanzenleben, sowohl im Einzelnen, als in sei-
ner ganzen Ausdehnung, in der es einen Theil der Lebens-
erscheinungen unseres Planeten bildet, zu schildern.
Die Pflanze als das künstlichste chemische Laboratorium,
die sinnreichste Einrichtung für das Spiel physischer Kräfte,
als den einfachsten und dennoch grossartigsten Bau, den je
ein Architekt ersonnen und ausgeführt, so wie die Ausdeh-
nung und Verbreitung dieses aus unendlich vielen Theilen
bestehenden Bauwerkes im Grossen, die Einheit des Styles
und seine Entwicklung in der Zeit, dies alles sind Gegen-
stände, welche ich nach und nach in einzelnen Briefen Ihnen
vorzuführen mir erlaube.
Mit dem. Einfacheren beginnend soll die Zurückführung
dieses komplicirten Baues auf die einzelnen Elemente den Aus-
gangspunkt aller unserer Betrachtungen bilden, von welchen
aus wir die Konstruktion der Objekte, die ihrer Mannigfaltig-
keit zum Grunde liegenden Pläne verfolgen wollen, und in-
T
dem wir überall dieselbe Einheit wieder treffen, zuletzt in
einer höheren Auffassung wieder zu dem Elementaren zurück-
kehren.
Mögen Sie Lust und Ausdauer genug besitzen, mir auf
dem eben bezeichneten Gange, der zwar zu den vielbetretenen
aber leider zu den wenig bekannten gehört, zu folgen, und
dabei nicht ermüden, wohl aber an geistiger Kraft gewinnen,
ZWEITER BRIEF.
DIE ELEMENTARTHEILE DER PFLANZE.
Keiner, der auch nur einigermassen sein geistiges Auge
bei Betrachtung von Naturgegenständen geübt hat, wird die
Pflanze als ein blosses Haufwerk von Blättern, Stengeln, Blü-
then u. dgl. ansehen, in welchem der Zufall Gestalt, Farbe,
Beschaffenheit der Substanz u. s. w. hervorgebracht und hie-
her und dorthin vertheilt hat. Eine regelmässige Aufeinander-
folge der einzelnen Theile, eine gewisse Norm ihrer Au bil-
dung und Einheit der Form und des Kolorits muss Jedem
auffallen, der auch nur eine einzige Pflanze aufmerksam be-
trachtet und ihre Theile unter einander verglichen hat. Es
kann ferner nicht fehlen, dass er von selbst zur Ueberzeugung
einer Planmässigkeit gelangt, die allen dem zum Grunde liegt
und dass er diese ohne weitere Anleitung sehr treffend schon
in der Anordnung der kleinsten Theile suchen wird,
die am Ende alle Pflanzen zusammensetzen.
Lassen Sie mich nun, meine Leser, bevor wir weiter in
der Betrachtung gehen, ein wenig bei diesen kleinsten Thei-
len der Pflanze, bei diesen Bausteinen verweilen, wodurch
sie sich selber aufbaut, die ihr Festigkeit und Dauer, Zweck-
9
mässigkeit und Schönheit verleihen, und ohne welche ihr Be-
stehen durchaus unmöglich wäre.
Diese kleinsten Theile, die wir hier berücksichtigen wol-
len, sind indess nicht von der Art, dass sie etwa in das
Bereich kaum wahrnehmbarer Massentheilchen, in das Reich
der Atome gehören, im Gegentheile sind dieselben stets von
einem bestimmten Umfange, von einer wohl zu unterscheiden-
den Gestalt, und obgleich nicht immer dem freien Auge er-
reichbar, doch mit dem bewaffneten gar wohl ja selbst bis
auf die kleinsten untergeordneten Einzelheiten zu erkennen.
Aber nicht bloss in der Anordnung und Zusammenfügung die-
ser Elementartheile liegt die grosse Kunst und Meisterschaft,
die wir an dem Pflanzenbau bewundern, sie liegt noch viel-
mehr in diesen Mitteln selbst. Was kann es wohl Künstliche-
res, tiefer Durchdachtes, im kleinsten Raume Grossartigeres
geben als eine Zelle. Ein zartes, dem freien Auge unsicht-
bares Bläschen über einen Kern von halb flüssigen halb festen
Substanzen in einem Falle ('), und ein hohler Bis
von einer zuweilen fast steinharten Haut um-
schlossenen Raum im anderen Falle, eines
aus dem anderen allmälig hervorgehend. Wie
leicht wird es der Pflanze, durch zweck-
mässige Vertheilung dieser an Festigkeit so
ungleichen Elemente die einen da- die ande-
ren dorthin zu verwenden, wo sie dieselben
eben bedarf, und wie leicht ist es nicht eben dadurch einer-
seits Festigkeit und Dauer, anderseits einen stetigen Fort-
— \
1.
Fig. 1. Eine rundliche etwas abgeplattete Zelle mit ihrem Inhalte, der durch
die zarte, durchscheinige Haut derselben zum Theile bemerkbar ist, stark
vergrössert.
10
bau, d. i. das Wachsthum, möglich zu machen. Die Fa-
sern, die wir zur Leinwand und zu Geflechten verwenden,
das Holz der Bäume, die harten Schalen mancher Früchte
bestehen aus solchen alten, hartgewordenen Bausteinen der
Pflanze, während die jüngeren noch zarten Zellen mit ihrem
saftigen und körnigen Inhalte Thieren und Menschen häufig
zur Nahrung dienen.
Nicht weniger bewunderungswürdig ist die Form, die diese
kleinen Partikelchen des Pflanzenleibes in den verschiedenen
Theilen der Pflanze und in den verschiedenen Pflanzen selbst
an sich tragen. Während ein Theil
derselben bei der ursprünglich kuge-
ligen Gestalt verharrt, platten sich
JIN
andere ab und gleichen in der That
ll
AHNINIIINIINITONIRRIIN
HIEREIIRNNNKUNTIITDTTN
N
ll
Quadern und andern von ebenen Flä-
)
chen mehr oder minder regelmässig
I)
begrenzten Gestalten (*). Es war da-
NN
N
N
N
NS
N
Q
Q
N
N
NS
N
NS:
N
Ni
=
ZZ
ZZ
ZR
ZN
ZZ
ZN
ZZ
her verzeihlich, in diesen integrirenden
Theilen der Pflanzen Krystallgestalten
I]
zu erblicken, und sie wohl gar auf
dieselbe Weise entstanden zu erklären,
III I)
HN
wie die Würfel des Kochsalzes, des
HLERRKTIINNRETRRTNTN
1)
Flussspathes oder die zwölfflächige
Gestalt des Granates.
Ba
N
- Mehr abweichend von der Bläschen-
gestalt sind die gestreckten eylinderförmigen od. säulenförmigen (°)
Fig. 2. Eine nach allen Seiten vollkommen abgeplattete Zelle mit der nur
noch an den Ecken wahrnehmbaren ursprünglichen Kugelfläche. Der halb-
flüssige Inhalt schimmert durch die dünnen Zellwände hindurch.
Fig. 3. Eine säulenförmige Zelle.
11
und die verbreiterten tafelförmigen Formen. Was uns als Holz-
faser, als Bastfaser u. s. w. von so grosser Brauchbarkeit für
allerlei Bedürfnisse des Lebens erscheint, sind Fig. 4.
nichts anderes als solche säulenförmige, an
den Enden zugespitzte Pflanzenzellen, die an
einander geschweisst eben jene zähen biegsa-
men, elastischen Fasern (*) bilden. Es würde
viel zu weit führen, wenn ich noch alle jene
Abweichungen der ursprünglichen Zellenform
beschreiben wollte, die bald bekannten Ge-
stalten ähnlich bald ganz und gar unregel-
mässig als mannigfaltig gestreckte, erweiterte
und verzweigte Schläuche an der Zusammen-
setzung des Pflanzenleibes Theil nehmen. Ei-
ner Form muss ich jedoch immerhin noch ge-
denken, weil sie zu den zierlichsten Gestal-
tungen im kleinsten Raume gehört, der soge-
nannten Pflanzengefässe,
Während alle Zellen, und wenn sie auch
langgezogenen Schläuchen und Cylindern glei-
chen, dennoch an ihren Endtheilen geschlossen
sind, gibt es eylindrische Zellen, die an ihren
Enden , wo sie mit ähnlichen Zellen in Ver-
bindung treten, aufbrechen und Oeffnungen
erlangen. Dadurch entstehen mehr oder we-
niger lange Röhren, die von andern Zellen
eingeschlossen, ein System in einander mün-
. Fig. 4. Mehrere an einander liegende und mit einander verbundene cylin-
derförmige Zellen mit zugespitzten Enden. Ihre dieken Wände machen
sie fest und zähe und eben dadurch den Bast, den sie zusammensetzen,
zu einem festen, zähen Körper.
12
dender Schläuche bilden und Gefässe genannt werden (°).
In der Regel stehen solche Gefässe in Mehrzahl neben einan-
der, zwar von ähnlichen aber im Ganzen doch verschiedenen
‚Zellschläuchen umgeben und durchwirkt, und stellen in ihrer
Vereinigung das dar, was man Gefässbündel genannt hat.
Fig. 5.
N SD N
Indess die Zellen je nach ihrer Form bald ein dichteres
bald ein lockeres Mauerwerk bilden, woran bald grössere bald
kleinere, bald rundliche (°), bald quadratische, säulen- (”)
Fig. 5. Ein Pflanzengefäss, das nach der netzförmigen Zeichnung an seinen
Wänden ein netzförmiges Gefäss (vas reticulatum) genannt wird,
oben und unten abgeschnitten.
Fig. 6. Ein Zellgewebe aus rundlichen , ellipsoidischen und birnförmigen
Zellen zusammengesetzt, die sich gegenseitig nur berühren ohne sich ab-
13
und plattförmige Steine Antheil nehmen und das die Anato-
men in ihrer Kunstsprache Zellgewebe nennen, sind die
Gefässbündel (®), da sie
gewöhnlich auch fester
als jenes erscheinen mit
einem Knochengerüste
zu vergleichen, an wel-
chem sich die weiche-
ren und lockeren Theile
anlegen, in der That
ERAAHRSUNER STAR
aber nichts weniger als
diesen halb leblosen
Theilen des thierischen
Organismus gleichen,
wenigstens nicht zu je-
ner Zeit als sie sich noch
in voller Thätigkeit be-
finden. Bedenkt man wie
eben die Gefässbündel
in ihrer Form, Zusam- f
zuplatten, und daher ein lockeres Gewebe (Merenchyma) bilden. Bei der
Durchsichtigkeit der Zellhaut sicht man allenthalben den aus grünen und
andern ungefärbten Bläschen bestehenden Inhalt durchscheinen.
Fig. 7. Ein Zellgewebe aus mehrflächigen Zellen zusammengesetzt (Paren-
chyma), oben und an einer Seite durch Schnitte blosgelegt. Die einzelnen
Zellen sind etwas in die Länge gestreckt und von 12 Flächen begrenzt.
Ihr Inhalt ist eine wasserhelle Flüssigkeit (Zellsaft) ohne alle feste Substanzen.
Fig. 8. Ein Stück aus einem Palmenstamm mit drei Gefässbündeln , wovon
die vorderen zwei nicht bloss der Quere, sondern auch der Länge nach
durchschnitten erscheinen. An dem grösseren derselben bemerkt man bei
a dünnwandige Holzzellen, bei b ein einfaches, bei ec ein netzförmiges
Spiralgefäss, bei d einen Bündel so genannter eigener Gefässe, bei e dick-
wandige Bastzellen, die’sich auch im kleineren Gefässbündel wiederholen.
Alle diese Gefässbündel sind von parenchymatischen Zellen f f umgeben.
14
mensetzung, Ausbildung und Zusammenhang massgebend bei
allen Anlagen des Zellengewebes erscheinen, so möchte man
eben in ihnen die Skizzen erkennen, nach welchen die Details
aller Pflanzengestaltung ausgeführt sind. Die blosse Betrach-
tung des Netzwerkes der Rippen eines Blattes könnte einen
schon auf diesen Gedanken führen.
Wenn das eben Vorgebrachte einen flüchtigen Blick in
den Bau vegetabilischer Körper gewährt hat, so wird es mir
wohl erlaubt sein, noch auf einige andere Eigenthümlichkeiten
aufmerksam zu machen, die in der Anordnung dieser Elemen-
tartheile leicht wahrzunehmen sind. Durch die Bezeichnung
Zellgewebe, welche man dem Mauerwerke des Pflanzenbaues
gegeben hat, könnte bei Jenen, die noch nicht Gelegenheit
hatten, dasselbe mit Hilfe vergrössernder Sehwerkzeuge zu be-
trachten, leicht die irrige Ansicht Wurzel fassen, dass das-
selbe wirklich mehr einem Gewebe als einem Mauerwerke
gleiche. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Bekanntlich
liegt die Eigenthümlichkeit des Gewebes darin, dass viele nach
einer Richtung verlaufende fadenförmige Theile durch ähnliche
diese in der Quere durchsetzende Theile verbunden werden,
Nicht irgend ein Bindemittel, sondern einzig und allein die
Verschlingung der mehr oder mindere Unebenheiten darbietenden
Fasern bedingen die Dichtigkeit und Festigkeit des Gewebes.
Eine solche Einrichtung finden wir keineswegs in den
Pflanzengeweben. Die Elementartheile ohne Ausnahme, alle
mikroskopisch klein, liegen einfach neben- und übereinander,
sie umschlingen sich nicht, ja nicht einmal die röhrenförmigen
(nur bei Flechten, Algen u. s. w. zuweilen); sie bilden daher
wirklich mehr ein Mauerwerk als ein Gewebe.
15
Dies macht aber etwas anderes unumgänglich nothwendig,
damit das Ganze einen Halt bekommt, nämlich eine Verkit-
tung der einzelnen Elemente unter einander. Dieser Kitt oder
Mörtel ist etwas sehr Merkwürdiges, worauf wir noch später
zurückkommen werden, da wir hier nur auf seine Unentbehr-
lichkeit hinweisen wollten.
Aber finden sich denn in dem häufig aus Myriaden von
Zellen zusammengesetzten Pflanzenbaue nicht solche Einrich-
tungen, welche sowohl die Verbindung einzelner Theile als
den festen Anschluss grösserer Massen unterstützen? Fast
will es mich bedünken, dass beinahe jede Pflanze, will sie
sich auch nur auf eine kurze Zeit gegen äussere mechanische
Eingriffe erhalten, dergleichen nothwendig bedürfe.
Allerdings ist es auch so. Die Pflanze mauert ihre ge-
heimen Gemächer und schliesst Gewölbe darüber so kunst-
reich, sie wendet im Baue des Stammes, auf den sie alles
lastet, solche Grundschwellen, Widerlager, Streben und Anker
an, dass ein Baumeister nicht zweckmässiger verfahren würde.
Sind nicht die festen oben dünneren unten dickeren Gefäss-
bündel, welche zerstreut oder in Kreisen geordnet dem Stamme
entlang verlaufen, als wahre Strebepfeiler gegen Sturm und
Wetter, die der schlanke Pflanzenstamm zu bekämpfen hat,
anzusehen? Sind es nicht die zweckmässigsten Verankerungen,
welche in den sogenannten Markstrahlen oder Spiegelfasern
die Längenfasern des Holzes verbinden? Bringt man über-
dies noch die Biegsamkeit und Elastizität der Elementartheile
in Rechnung, so wird es begreiflich, wie ungeachtet der fort
und fort auf Vernichtung sinnenden Elemente der Natur hier
die Eiche, dort das schwanke Rohr trotzig ihr Haupt in den
Lüften schütteln.
16
Ich habe von den geheimen Gemächern gesprochen , wel-
che sich im Innern der Pflanze finden und fast überall eine
besondere Form annehmen. Diese Gemächer, bald grösser,
bald kleiner, regelmässigen Kammern oder abenteuerlichen
Höhlen, ja wohl gar verfallenen Ruinen gleich, nennt der
Pflanzenanatom Lufthöhlen, Luftgänge, (?) Lücken
u. 8. w. Die regelmässigen Gemächer, die, wie obige Benen-
Fig. 9.
nungen deutlich angeben, nicht etwa durch etwas anderes als
durch Luft erfüllt sind, sind meist schön gewölbt, mit zier-
lichen Steinen konstruirt, und stellen in der That mikrosko-
pische Grüfte, Tempelräume von Pfeilern gestützt, mitten im
dichten Pflanzenzellgewebe dar. Andere grössere Räume tra-
gen in ihrem Innern das Bild der Zerstörung nur zu deutlich
an sich. Jeder Grashalm kann diesfalls zur Belehrung dienen.
Fig 9. Stück aus dem Blatte von Calmus (Acorus Calamus). Die Luft-
gänge a, a, a sind hier von dem zierlichsten Zellgewebe begrenzt.
17
Das Merkwürdigste von allen diesen leeren mit Luft er-
füllten Räumen ist, dass sie meist durch viel kleinere Gänge
mit einander in Verbindung stehen, die zuletzt in unzähligen
Verzweigungen nach Aussen münden. Das Mundloch dieser
unendlich kleinen Stollen und Schächte, die durch mannigfal-
tig unter einander verbundene Gesenke in das Innere führen,
ist stets zierlich gebaut und meist zum Verschlusse geeignet,
so dass die äussere Luft mit der inneren kommuniziren oder
auch von derselben abgeschlossen werden kann. Solche Mund-
löcher, die man Spaltöffnungen nennt, sind so zahlreich,
dass man z. B. auf einer einzigen Quadratlinie der Oberfläche
Fig. 10.
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cos
050 c°
7
We
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des Blattes von Eisenhütlein nahe an 1000 zählen kann, die
mehr als den 90sten Theil derselben unbedeckt lassen (9). Es
Fig. 10. Ein Stück aus dem Blatte des Eisenhütlein (Aconitum Chamarum),
etwa 200 mal im Durchmesser vergrössert. a die äusserste Zellschichte
Botanische Briefe, 2
18
wird dadurch begreiflich, wie die atmosphärische Luft bis in
das Innerste aller Pflanzentheile gelangt und Stoffe von ihnen
empfängt, so wie andere dahin abgibt. Alle diese luftführen-
den Gänge und Räume würde man indess vergebens in jenen
Pflanzentheilen suchen, die eben im Aufbau begriffen sind.
Sie bilden sich erst später aus, stehen mit den Neubauten
in keiner nothwendigen Verbindung, und sehen eher wie De-
positorien, oder um mich eines bergmännischen Ausdruckes
zu bedienen, wie Verhaue aus, in welche nicht selten Dinge,
welche‘! keiner weitern Verwendung mehr fähig sind, Bau-
schutt, taubes Trümmergestein u. s. w. abgelagert werden.
Solche Dinge sind z. B. Harz, Gummi, ätherische Oele
u. dergl., die wir gleichwohl, wenn auch nicht die Pflanze, zu
verwerthen im Stande sind. So leben wir häufig von dem
Ueberflusse der Natur, und ahnen nicht, dass wir ihr einen
Gefallen thun, von ihren Schüsseln auch etwas für uns zu
nehmen.
Wie in allen eine grössere Genauigkeit erfordernden Bau-
werken jeder Stein wohl bemessen, für die Stelle, die er ein-
zunehmen hat, eigens zugerichtet und geformt wird, so ist es
auch nicht minder bei dem Pflanzenbaue. Keine Zelle findet sich
hier, die nicht nach ihrem Umfange und nach ihrer Form genau
abgezirkelt, mit Winkelmass und Senkblei hergestellt wäre, so
dass jede nur für diese Stelle, wo sie sich eben befindet und
der Oberseite aus plattenförmigen Zellen bestehend, b die äusserste Zell-
schichte der Unterseite, zwischen deren Zellen sich die Spaltöffnungen
befinden. An den durchschnittenen Theilen sieht man, wie diese von
zwei halbmondförmigen Zellen gelassenen Oeffnungen in Hohlungen e
münden, die durch das ganze Zellgewebe des Blattes mit einander kom-
muniziren. d eine Schichte eylindrischer Zellen der Oberseite, e eine
mehrfache Schichte unregelmässiger Zellen, welche darauf folgt.
19
für keine andere passt, und in die Vertiefungen und Erhöhun-
gen der nachbarlichen Zellen genau eingreift. Betrachtet man
ein Zellgewebe was immer für eines Pflanzentheiles, so muss
man staunen über das wohlausgeführte schliessende Mauerwerk,
wo nicht blos die passenden Elemente neben und übereinander
gelegt, sondern auch so verbunden sind, wie sie nach den Re-
geln der Baukunst nicht besser hätten verwendet werden kön-
nen. Wie schön passen und fügen sich z. B. nicht die Säu-
len und Cylinder mit ihren an beiden Enden befindlichen Zu-
schürfungen in die Leeren, die durch die Zusammenfügung
ähnlicher darüber und darunter befindlichen Elemente gelassen
werden, um die Holz- und Bastbündel zu bilden, wie knapp
schliessen sich die aufgestellten Ziegeln gleichen Zellen nicht,
die jenes Mauerwerk bilden, das wir früher mit den Schlau-
dern verglichen haben, und. den Zweck hat, das säulenförmige
Mauerwerk gegen den Seitendruck zu unterstützen, ohne wel-
chen jene Basaltmauern keineswegs die Festigkeit besässen,
die sie überall zeigen. Endlich über alles dieses der schü-
tzende musivische Estrich, der die Pflanze an ihrer ganzen
Oberfläche überzieht. Lässt sich ein mit genauer schliessen-
den Platten konstruirtes Dach, ein zierlicheres Mosaikpflaster
denken, als die äusserste Zellenschichte jeder Pflanze, die man
in der Kunstsprache Oberhaut (Zpidermis) nennt, besitzt ?
Hier findet weder Staub noch Regen Eingang, kein Atom
Feuchtigkeit kann durch diesen Verschluss durchdringen und
man sieht wohl klar, dass die Pflanze sich besser gegen die
Atmosphärilien zu schützen weiss, als wir in unseren schön-
sten und dauerhaftesten Bauten ('').
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Ungeachtet die Pflanze durch diese Einrichtung ihre In-
tegrität möglichst zu erhalten strebt, will sie sich doch an-
dererseits nicht ganz und gar von der Aussenwelt abschliessen,
von der sie, wie wir später erfahren werden, am Ende doch
alles erhält, was zu ihrem Sein nothwendig ist. Wem fallen
dabei nicht sogleich die Luftlöcher bei, die sie allenthalben
an ihrer Oberfläche besitzt, durch deren Verschluss und Oeff-
nung sie nach Bedarf aufnimmt und abgibt, ohne dass ihre
Existenz dabei im mindesten gefährdet ist.
Dass bei einem so zierlichen und wohlgeordneten Bau je-
der Theil einen besonderen Zweck und eine bestimmte Bedeu-
tung erhält, wodurch eben ein Zusammenwirken aller einzelnen
Theile möglich ist, lässt sich wohl denken, dass sich aber
diese Zweckmässigkeit selbst bis auf die einzelnen Bauelemente
erstreckt, kann nicht anders als mit Nothwendigkeit gefolgt wer-
den. Erst wenn man weiss, wie jeder einzelne Stein in dem
grossen Werke seinen Platz erfüllt, ist man im Stande über
Fig. 11. Stück von einer Oberhaut (Epidermis) aus tafelförmigen, eng an
einander schliessenden Zellen zusammengesetzt. Von mehreren ist die
obere Seite durch das Messer weggenommen worden, um in das Innere
derselben hineinblicken zu können.
21
die Stabilität, über die Zweckmässigkeit, über die Harmonie
des Ganzen zu urtheilen, und so lange die Pflanzenkunde sich
diese Einsicht nicht zu verschaffen sucht, wird sie wohl über
Zweckmässigkeit und Schönheit u. s. w. des Pflanzenbaues
im Allgemeinen faseln können, nie aber nach Gründen der
Wissenschaft und Kunst auch nur den Bau eines Blattes, ja
nicht einmal den eines Haares zu würdigen im Stande sein.
Desshalb kann man die Bestrebungen für eine wahre wissen-
schaftliche Begründung der Architektonik des Pflanzenbaues
nicht genug preisen, und in der Kenntniss der elementaren
Zusammensetzung den Schlüssel zu allem, was für uns gegen-
wärtig noch ein Geheimniss ist, erblicken. Der Mann, der
bisher noch am weitesten in diesem dunkeln Gebiete vorge-
drungen ist, der es versucht hat, Stein für Stein nach Ent-
stehung und Verwendung zu prüfen, der uns von einigen
Pflanzenbauten sowohl Grund- als Aufrisse gegeben hat, auf
welchem jedes Element mit der Nummer verzeichnet ist, die
ihm sein Baumeister vorgezeichnet hat, dieser Mann ist Karl
Nägeli. Ohne Zweifel haben wir von ihm die Enthüllung
nicht blos der einfachsten Bauten, sondern auch noch grösse-
rer Bauwerke des Pflanzenorganismus zu erwarten, die wir
bisher nur anstaunen, ohne sie zu begreifen.
DRITTER BRIEF.
GENESIS DER ZELLE.
Bisher hat die Hinweisung auf die Aehnlichkeit der ma-
teriellen Zusammensetzung der Pflanze mit verschiedenen Ein-
richtungen der Bauwerke die Erklärung derselben vielfältig
unterstützt und anschaulich gemacht; nun aber fängt das
Gleichniss an zu hinken, indem wir die Frage nach dem Ur-
sprunge des Baumateriales, nach der Bildung der einzel-
nen Elemente aufwerfen. Jeder Baumeister schafft sein Material
aus grösserer oder geringerer Ferne herbei; Steine, Ziegel,
Kalk, Sand, Wasser und was er sonst noch bedarf, wird an
die Baustelle hingebracht und nur mit diesen Mitteln ist er
im Stande, sein Werk auszuführen. Wo nimmt die Pflanze
ihre Bausteine, ihren Mörtel u. s. w. her, ohne denen eben
so wenig wie dort ein Aufbau aus gleichen und ähnlichen
Elementen möglich ist?
Hier tritt das Wundervolle der Einrichtung der Pflanze
so recht eigentlich hervor, wenn wir bedenken, dass dieselbe,
obgleich sie das Materielle zu allem dem, was sie braucht,
von Aussen her holt, doch die Zubereitung und Verarbeitung
keineswegs andern Kräften überlässt, sondern ihre Steine selbst
fabrizirt, ihren Kalk selbst brennt und löscht und ihn zum
Mörtel rührt, kurz Ziegelschläger, Steinmetz, Mörtelmacher
u. 5. w., so wie Baumeister alles in einer und derselben Per-
son, ja am Ende noch Stein und Werkmeister zugleich ist.
Man hat lange Zeit der Pflanze noch mehr zugetraut, als
sie wirklich zu leisten im Stande ist und sie für eine wahre
Taschenspielerin und Hexenmeisterin gehalten. Man glaubte
nämlich gefunden zu haben, dass diese nur Luft und Wasser
von Aussen hernehme und alles Uebrige, was sie sonst noch
bedarf, wie z. B. einige fixe Laugensalze, Erden, Phosphor,
Schwefel u. s. w. durch ein blosses Zauberwort aus Nichts
hervorrufe. Diese Ansicht spukt noch immer in den Köpfen
einiger selbst sogenannter intelligenter Landwirthe, welche äl-
teren chemischen Analysen mehr Werth zutrauen, als sie ver-
dienen. Heutige Chemiker meinen, dass es gar nicht möglich
sei, dass ein Ding wie eine Pflanzenzelle, die allerdings, wie
wir später erfahren werden, eine mächtige chemische Werk-
stätte ist, aus Sauerstoff oder Wasserstoff und Kohlenstoff
auch nur Ein Atom von Phosphor oder Schwefel hervorbrin-
gen könne.
Abgesehen jedoch von dem, wollen wir unser Augenmerk
zuerst darauf richten, wie die Pflanze inmitten ihres begonne-
nen Aufbaues fortwährend neue Bausteine zu Stande bringt,
sie an Ort und Stelle schiebt und mit Mörtel befestiget und
erst nachdem wir uns von diesem wunderbaren Vorgang Ein-
sicht verschafft haben, unsern Blick auch auf die Bereitung
der Stoffe richten, die sie eben zur Bildung von Bausteinen
und von Bindematerial nöthig hat, und so mit dem tieferen
Blick des Chemikers verfolgen, was wir vorerst nur mit dem
Auge des Anatomen auflassen.
21
Die Einsicht in die Bildung der Baurequisiten hat den
Anatomen viel Schweiss gekostet und manche Kontroversen
hervorgerufen. Die Sache ist allerdings nicht so offen dage-
legen, dass man nur Augen zu besitzen brauchte, um es los
zu haben. Die Pflanze macht es zwar nicht wie Bauherren,
die alle ungebetenen Gäste von der Einsicht in den Vorgang
der Arbeiten abhalten; sie thut alles offen und frei. Wenn
wir aber trotzdem gar manches nicht sahen oder verkehrt sa-
hen, so lag es mehr darin, weil wir eben vor Verwirrung
nicht wussten, wohin wir eigentlich sehen sollten, so wie an
unserem subjektiven Auffassen, also an unsern Augen, die
das Zauberlicht, das uns die Pflanze vorhielt, noch nicht er-
tragen konnten. Kurz, erst nach vielen Mühen und rastlosem
Lauschen und Spähen ist es uns endlich gelungen, zur Kennt-
niss der so einfachen Manipulation zu gelangen, die die Pflanze
allenthalben bei ihrer Bauführung in Anwendung bringt, so
dass wir jetzt, nachdem wir die Sache kennen, fast mehr
über unsere Blödigkeit als über jenen höchst einfachen Vor-
gang staunen müssen.
Das ganze Geheimniss der Erzeugung der Bau-
steine liegt darin, dass die Pflanze jeden derselben, den
sie verwendet, aus einem schon vorhandenen hervorbildet.
Dabei muss dieser selbst sich bis auf einen gewissen Grad
vergrössert haben, denn sonst würde das Bauwerk zwar an
Zahl der Steine aber nicht an Umfang zunehmen, was jedoch
nichts weniger als zweifelhaft ist, wie jede Vergleichung einer
jungen und alten Pflanze zeigt.
Betrachten wir nun diese Fabrikation der Bausteine etwas
genauer. Wie wir bereits wissen, sind die Bausteine der
25
Pflanze eigentlich keine Bausteine, d. i. keine soliden, gleich-
artigen Massen, sondern verschieden geformte häutige Blasen,
Schläuche u. s. w., die von weichen Substanzen und von Flüs-
sigkeiten aller Art erfüllt sind. Jede Blase, jeder Schlauch,
der beim Aufbau der Pflanze verwendet wird, bildet sich ohne
Ausnahme im Innern einer schon vorhandenen Zelle, wird,
wenn sie fertig ist, ohne weiteres herausgeschoben und an die
Stelle hingelegt, wo sie nach dem Plane eben hinkommen soll.
Weder Winde noch Flaschenzug ist dazu nothwendig, es geht
dieses so leicht, wie von selbst, dass man darüber staunen
möchte, wie es nur möglich ist. Geben Sie Acht, meine Le-
ser, wie das zugeht.
Erst schwillt der alte schon vorhandene Baustein, d. i.
die Zelle, ungewöhnlich an, nimmt an Umfang zu, wächst,
aber merken Sie wohl, es ist nicht ein blosses Wachsen, was
hier vorgeht. Wie in einem trächtigen Thiere bilden sich in
ihrem Leibe neue Bausteine, neue Zellen aus, Sind diese
endlich so weit, dass sie alle Theile, die zu ihrer Selbststän-
digkeit erforderlich sind, besitzen, so treten sie frei hervor,
und die Mutterzelle, die während diesen Vorgängen nicht
nur ihren Inhalt ganz für die Bildung ihrer Brut, d. i. ihrer
Tochterzellen, verwendet, sondern auch in ihrer häutigen
Umgrenzung bei der zunehmenden Vergrösserung fort und fort
konsumirt wird, führt nur mehr ein Scheinleben, eine Schein-
existenz, und endlich ist durch Verwendung ihrer letzten Reste
fast gar nichts mehr übrig geblieben ('?). Die Tochterzellen
entstehen also rein auf Kosten der Mutterzellen, ihr Dasein
beruht auf dem Tod dieser. Ganz etwas Aehnliches bieten
einige Insekten bei ihrer Fortpflanzung dar; die trächtigen
26
Weibchen schwellen allmählig so an, dass sie nur mehr als
Bauch, als Blase erscheinen. Alle Organe, alle Funktionen des
Fig! 19: Mutterthieres gehen nur auf die Hervor-
bringung der Jungen hinaus, und mit der
Geburt derselben ist von jenem fast nichts
mehr übrig, als eine trockene, zerrissene
Hülle. Lässt sich demnach die Bildung
der Zellen bei den Pflanzen nicht eben-
falls eine Zeugung nennen? und ist der
ganze Pflanzenbau mit seinen Myriaden von
Zellen etwas anderes, als das Resultat fort-
gesetzter Zeugung seiner Elementartheile ? —
Wie ganz anders erscheint uns nach
dieser Einsicht in die Bildungsgeschichte
der Bausteine das Mauerwerk der Pflanze,
— das fort und fort sich verjüngende, —
das gleichsam aus sich herauswachsende. Hier verschwindet
nun jeder Vergleich und wir sehen kein Werk der Menschen-
hände und der Menschenerfindung vor uns, das dem Bau-
werke des Pflanzentempels auch nur von ferne ähnlich wäre.
Eine unsichtbare Hand ist es, welche an seine Wände eben
so geheimnissvolle Worte zeichnet, wie einst an die Mauer des
Königspalastes.. — Doch wir verfolgen den Bildungsprozess
der Zellen weiter.
Schon in der Mutterzelle wird die Lage bestimmt, welche
die Tochterzellen in der Folge einzunehmen haben, daher nach
Fig. 12. Eine ungewöhnlich grosse schlauchförmige Zelle zwischen kleinen
parenchymatischen Zellen, welche sich nicht mehr vergrössern. Jene
Mutterzelle enthält fünf Tochterzellen, wovon die oberste den übrigen
vier an Ausbildung vorausgeeilt ist. — Aus der Samenknospe der zwei-
jährigen Pippau (Crepis biennis).
ihrer Auflösung keine weitere Verschiebung nothwendig ist.
Würde jedwede Zelle mit der Fähigkeit, neue Zellen aus sich
hervorzubringen, auch die hinlängliche Kraft dazu besitzen,
so würde nur ein unregelmässiges Haufwerk von Zellen ent-
stehen, und je nach der Produktionsfähigkeit der einen oder
ler anderen, würde stellenweise eine grössere Anhäufung von
Zellen entstehen, und das Ganze jedenfalls ein ungestaltiges
Aussehen erlangen. Nur durch den einzigen Umstand, dass
diese Produktionsfähigkeit limitirt ist, kommt wie
von selbst Regel und Ordnung in das unbestimmte Haufwerk.
Das Eine, was wir hierbei wahrnehmen, und das wie eine
feste Norm zu gelten scheint, ist, dass fast alle Produktion
an und für sich auf das Minimum beschränkt ist, welches
darin besteht, dass jede Mutterzelle nur zwei Tochterzellen
zu erzeugen im Stande ist, — das andere, dass diese beiden
Tochterzellen, wenn auch nicht in den ersten, so doch in den
letzten Generationen fast durchaus ein verschiedenes Naturell
haben, so dass während die eine frisch und lebenskräftig in
Kurzem sich als Mutter einer neuen Generation erweiset, die
andere in Bescheidenheit zurücktretend nur ihr Dasein fristet.
Da letztere nicht für die Vergrösserung des Pflanzenbaues,
wohl aber an seinen Bestand eben durch ihre Dauer Theil
nimmt, während sich die andere Schwesterzelle bald in ihrer
eigenen Lust verzehrt, so sind es eigentlich nur jene Dauer-
zellen, aus welchen die Pflanzen zusammengesetzt sind. Die
Anordnung derselben, die Festhaltung dieses Charakters oder
das zeitweilige Aufgeben desselben, das in erneuerter Produk-
tivität ausschlägt und ins Unendliche fortgehen kann, bedin-
gen das, was als Umfang und Form der Gewächse in die Er-
28
scheinung tritt. Noch sind diese Generationsreihen keineswegs
genau verfolgt, in ihrer Abhängigkeit von einander erforscht
und auf bestimmte Gesetze zurückgeführt, aber es steht zu
erwarten, dass jene Forschungen, welche bereits so viel Licht
in diese dem menschlichen Auge verborgenen Vorgänge der
Pflanzengestaltung gebracht haben, die Fackel ihrer Aufklä-
rung auch in jene Labyrinthe hineintragen werden, die bisher
noch kein sterbliches Auge durchschaut hat.
Nur so viel wissen wir schon jetzt, dass die Bildungs-
zellen vorzüglich an den äusseren Theilen der Pflanze ihr
Spiel treiben, sowohl an der Spitze als am ganzen Umfang,
wodurch eben sowohl eine stetige Verlängerung als ein An-
wachsen in die Dicke möglich wird.
Diese Stellen sind es, wo in rascher Aufeinanderfolge
von Generation zu Generation ein solches Leben und Weben
herrscht, wie es selbst in den Riesenbauten, die wir Menschen
ausführen, an dem Gewimmel der Arbeiter nur als ein schwa-
cher Abglanz jenes lebensvollen, heiteren Vorganges erscheint.
So wächst denn die Pflanze sich fort und fort verlängernd,
so umschlingt das Holz der Stämme eine neue Schichte von
Elementen um die andere; dass sie sich aber weder in die
Weite unendlich auszubreiten noch in den Himmel zu erheben
vermag, ist, wie schon Goethe bemerkt, Sorge getragen.
Wie? dies soll uns später beschäftigen.
VIERTER BRIEF.
VERKITTUNG DER ZELLEN, VERÄNDERUNGEN IN FOLGE
IHRES WACHSTHUMES.
Das künstliche Bauwerk der Pflanze mit den fort und
fort sich verjüngenden Nymphen, die es ausgeführt haben,
steht nun als ein vollendetes Ganzes vor uns. Alles ist wohl
geordnet, jeder Stein an seinen Platz hingesetzt, aber Eines
fehlt noch, wenn es ein festes dauerhaftes Werk sein soll,
nämlich der materielle äussere Zusammenhang der
einzelnen Theile. Dadurch, dass jede Zelle ein Ganzes für
sich ist, die trotz ihrer Entstehung aus ähnlichen Elementen
dennoch ein selbstständiges Dasein zu führen berufen ist,
würde ohne äusseren Zusammenhalt das Band der Blutsver-
wandtschaft sicher nicht hinreichen, dass nicht bei dem leise-
sten Anstosse der künstliche Bau gleich einem Kartenhause
wieder aus einander ginge, zusammenbräche und sich gleich-
sam von selbst vernichtete. Diesem für immer zu begegnen,
hat hier die Natur auf eine Verbindung gedacht und die freie
unbeschränkte Zelle so an die Nachbarzelle gefesselt, dass
wenn auch Differenzen entspringen sollten aus ungleichem Na-
turell und Zweck, eine solche dennoch nicht zum Nachtheil
des Ganzen ausfallen kann. Die Pflanzenzellen sind daher in
30
der That dort, wo sie stehen, wie angemauert, — ja
es fehlt auch nicht an dem passendsten Mörtel, der sie be-
festiget.
Aber nicht blos die Steine, sondern auch das Bindemittel
bereitet die Pflanze selbst und es ist wiederum die Zelle, die-
ses Factotum, die sich dabei nicht blos geschäftig erweiset,
sondern zugleich als die einzige Quelle erscheint, woher das-
selbe bezogen wird. Schon mit der Bildung und Sonderung
der Zellen geht ihre Wiedervereinigung, ihre Verkittung fast
Hand in Hand, so dass die kaum fertige Zelle auch schon
nicht mehr von der Stelle weichen kann, und obgleich mit
Leben und Kraft für Tausende von Generationen ausgerüstet,
doch nur einem gefesselten Prometheus gleicht, der für die
ganze Zeit seines Daseins an dem Blocke der Nachbarzelle
angeschmiedet bleibt. Ben
Dies geht dadurch von Statten, dass in der Zelle selbst
der Leim gekocht, der Mörtel abgearbeitet wird, der durch
die Wand der Zelle hindurchdringend, geradezu an die Stelle
gelangt, wo er hin soll, und seine Wirkung auf die benach-
barten Zellen ausüben kann. Dieser Leim oder Kitt ist bald
reichlicher bald sparsamer und eben dort, wo er fast gar
nicht vorhanden ist, oder nie hinkommt, treten die Quadern
auseinander und bilden jene Höhlen, Gewölbe und zwischen
den Zellen verlaufenden Irrgänge (Intercellulargänge), von
denen bereits die Rede war. Es ist natürlich, dass man diesen
zwischen den einzelnen Zellen vorhandenen Stoff mit einem
eigenen technischen Ausdrucke und zwar mit dem Worte In-
tercellularsubstanz bezeichnete und ihn für den wahren
Mörtel im Baue des Pflanzenorganismus hält ('?).
Aber bei der fortwährenden Vermehrung, Aufbringung
und Versetzung der Elementartheile bleibt es nicht stehen.
Nicht blos die Bildungszellen,
sondern auch die Dauerzellen,
Fig. 13.
also diejenigen, welche nach
da
ihrer Erzeugung allein Bestand
haben, und dem Pflanzenbau
eine Dauer sichern, sind wei- “
tern Veränderungen unterwor-
fen. Anfänglich kleine zarte
Bläschen werden sie nach und
nach immer grösser und stär-
ker, und nehmen dabei erst
jene Gestalt an, die sie für
die Folgezeit behalten, und
die wir bereits als würfelför-
mige, vielflächige, tafelförmige,
säulenförmige u. s w. kennen
gelernt haben.
Die Zunahme an Umfang hat in den meisten Fällen auch
eine Verdickung ihrer äusseren häutigen Grenze, d. i. ihrer
Wand zur Folge, und in diesem Vorgange besteht denn ganz
eigentlich das Wachsthum der Pflanzen, während die Zunahme
durch Zellenvermehrung nur als Folge der Generationsthätig-
keit zu betrachten ist. So durchdringen sich diese beiden Pro-
zesse gegenseitig, und so wie die Zellenvermehrung nicht ohne
Fig. 13. Mehrere gestreckte parenchymatische Zellen mit ihrem Inhalt durch
deutliche Intercellularsubstanz «.a.. mit einander zu einem unzertrennlich
festen Gewebe verbunden.
32
gewisse Vorgänge des Wachsthumes möglich wird, so er-
scheint auch das Wachsthum durch vorausgegangene Zellen-
bildung bedingt. Beide Prozesse aber sind es, die zuletzt die
Vergrösserung der Pflanze nach sich ziehen, und wenn auch
die Zellenvergrösserung sich nur bis auf eine gewisse (immer-
hin in der Regel noch mikroskopische) Grösse erstreckt, so
hat, wie wir in der Folge sehen werden, auch die Zellenver-
mehrung ihr bestimmtes vorgesetztes Mass und Ziel.
Eine Erscheinung, die für die Dauer der Pflanze sowohl
als für ihre zuweilen nicht unbeträchtliche, ja man kann sa-
gen, massenhafte Grösse (man denke an die Kastanie dei cento
cavalli, den Drachenbaum auf Orotava, an den Baobab ('*), die
Cypresse von Oachaca u. s. w.) mehr als alles andere berech-
net ist, und dieselben mit den ältesten Baudenkmälern wett-
eifern lässt, ist die weitere Ausbildung der Zellhaut, nachdem
sie ihre Ausdehnung erreicht hat, oder doch nahehin zu die-
sem Ziele gelangt ist.
Wenn auch die ursprüngliche Grenze der Zelle immerhin
ein dünnes, homogenes Häutchen ist, so wird dasselbe später
doch häufig dick und fest, und da es sich in diesem Zustande
nicht mehr auszudehnen im Stande ist, so geschieht jede wei-
tere Verdickung durch Anlagerung der verdickenden Substanz
an der Innenseite der Zellwand. Dadurch muss aber noth-
wendig der Zellraum selbst fort und fort beengter und endlich
wohl gar auf ein Minimum reduzirt werden. Solche Zellen,
welche man diekwandige nennt, sind hie und da im
Pflanzenbaue vertheilt, und finden sich gewöhnlich dort am
häufigsten ein, wo es etwas zu stützen und zu schützen gibt.
Dergleichen Zellen sind daher nicht blos gute Eck-, Sockel -
und Pflastersteine, sondern sie werden ganz besonders zu den
Pfeilern verwendet, als da vorzüglich der Stamm und seine
Fig. 14. Ber)
En Rennen. ge nn al Do oT
= =. —
Aeste — dies in der Pflanzenwelt so mannigfach ausgebildete
Pfeilersystem —- ist.
Fig. 14. Eine nach dem Zeugnisse der Kenner richtige Darstellung eines
alten Baobab (Adansonia digitata) dem Dietionnaire pittoresque d’histoire
naturelle entnommen,
Botanische Briefe. 3
3
Ohne dass die Zellen des Holzes dicke Wände hätten,
würde selbst der umfangreichste Baum, der grösste Pflanzen-
koloss durch jedes Lüftchen wie ein dürrer Strohhalm abge-
knickt werden können, ja die Existenz solcher Pflanzenmassen
wie die Bäume würde ohne diese Beschaffenheit der Zellen
durchaus unmöglich sein.
Sehr wohl angebracht sind die dickwändigen Zellen auch
an der Grenze des Pflanzenbaues selbst, und wenn sie da,
wie es häufig geschieht, sogar unter einander verwachsen und
mit einem Firniss überzogen werden, so gibt das für die Dauer
mehr als die beste Makadamisirung, Asphaltirung u. dgl. aus.
Dasselbe findet auch bei der Bildung der hartschaligen Hül-
len der Früchte und der Samenhäute, die die Keime zu schü-
tzen haben, statt. Würde wohl die Pflanze bei der äusserst
zarten Einrichtung ihrer Elementartheile auch nur auf die
Dauer der kürzesten Zeit hinausreichen, wenn sie nicht auf
diese Weise Festigkeit und Schutz erhielte?
Bei diesem Bestreben der Pflanze oder vielmehr der Zelle,
sich gegen Einwirkungen aller Art zu kräftigen und so Be-
stand und Dauer zu erlangen, durften jedoch die Rücksichten,
denen sie ihre Entstehung und Ausbildung zu danken hat,
nicht ausser Acht gelassen werden.
Darunter gehört vor allem andern der leichte rk
Bezug der materiellen Mittel, wodurch sie eben existirt und
sich fortzubilden im Stande ist. Während die Zelle durch die
übermässige Wandbildung sich gleichsam von der Aussenwelt
abzuschliessen sucht, muss sie anderseits darauf Bedacht neh-
men, dass dieser Abschluss zu keinem vollständigen wird, denn
sie würde dabei nothwendig ihrer ferneren Wirksamkeit ein
35
Ziel setzen. Dass die Kommunikation, welcher Art sie immer
beschaffen sein mag, durch dicke, feste Wände beschwerlicher
sein mag, als durch eine leichte dünne Breterwand, ist für
sich klar. Wenn nun die Pflanze in der That hie und da ge-
zwungen ist, solche dicke Wände zu bauen, — das ist — ihre
in der Regel leichten Bausteine massiv zu machen, so wird sie
gewiss nicht ausser Acht lassen, hie und da Oeffnungen zu
lassen, oder wenigstens die ursprüngliche Dünnwandigkeit
stellenweise beizubehalten,
Dass das nun wirklich auch so geschieht, haben wir bei
der Betrachtung der äussersten Zellenschichte der Pflanze be-
reits erfahren, — aber auch bei den Zellen selbst, diesen klei-
nen schon ursprünglich ‚verschlossenen Räumen, findet etwas
Aehnliches Statt. Mögen sich die Zellen bei der Verdickung
ihrer Wände noch so sehr von einander und von der Aussen-
welt abschliessen, einzelne, wenn gleich verschlossene Fenster
bleiben doch immerhin zurück, und wenn sje auch manchmal
wie Kerkerfenster aussehen, tief in der Wandung stehend,
durch die die Freiheit nur mit Einem Auge hineinsieht, so
beleben sie doch den stillen Raum und scheuchen den Tod
zurück. Solche kleine Kerkerfensterlein, so winzig, dass auch
ein tausendfach verschärftes Auge kaum hineinzusehen ver-
möchte, durch die aber unser grosser Pflanzenanatom Hugo
v. Mohl zuerst hineinblickte, sind in jeder Zelle in mehr-
facher Zahl vorhanden. Nicht blos ihr seltsamer Bau, noch
viel mehr ihre Richtung und Kommunikation mit andern Lug-
löchern ist merkwürdig und beurkundet auffallend, - wie im
Pflanzenleib eine Zelle ohne der andern nicht bestehen könnte,
wenn sie sich vollkommen unabhängig machen wollte. ('°)
3%
Es ist nämlich die wunderbare Einrichtung getroffen, dass,
wo von einer Kerkerwand ein Fenster hinausgeht, an der an-
stossenden Wand des nebenstehenden Kerkers ein gleiches
Fenster hineingeht, so dass beide Fensterchen an einer und
derselben Stelle zusammentreffen und also die einzelnen Ker-
ker- oder Zellenräume in der That eine wahre Kommunika-
tion mit einander haben, obgleich sie auf das Festeste von
einander geschieden sind. Wir werden später noch erfahren,
was die Zelle, und daher die Pflanze dieser fürsorglichen Ein-
richtung zu danken hat, und dass ein solches Zellensystem
Fig. 15. Dickwandige Zellen durch Intercellularsubstanz vereiniget. Aus
einer Palmenfrucht.
Man sieht auf der oberen Durchschnittsfläche nicht blos die schichten-
weise Anlagerung der die ursprüngliche Zellwand aa von Aussen nach
Innen bedeckenden Verdickungssubstanz bb, sondern auch letztere nach
allen Richtungen durchsetzenden Tüpfelkanale c, welche in den verengten
Raum der Zellen d münden, nach Aussen aber den Schein von Durch-
löcherungen — Tüpfel — e hervorbringen.
37
wahrlich dort nicht zu empfehlen wäre, wo es sich um voll-
ständige Abschliessung handelte.
Aber wo die Zelle einmal so weit fortgeschritten ist, dass
sie weder Raum für ein Hochzeitsbett noch für die Werk-
zeuge chemischer und physikalischer Thätigkeit, für Retorten,
Schalen, Pumpen u. s. w. hat, lässt sich wohl denken, dass
sie wenig mehr als ein Sarg ist, in welchem Liebe und Leben
für immer regungslos begraben liegen. So ist es in der Wahr-
heit im Pflanzenkörper, und alle seine integrirenden Theile,
und namentlich jene, die die Lust des Lebens bereits im vol-
len Masse empfunden haben, legen sich zum Todesschlaf nie-
der, ohne je wieder zu erwachen. In Mitten des schönen
grünen Tempels bricht nach und nach ein Balken um den an-
dern ein; es stürzt eine Säule um die andere um, und noch
lange hebt oft der stolze Bau sein Laubdach fröhlich in die
Luft, während im Innern längst der Todeswurm (Kernfäule)
nagt. Endlich bricht das Ganze zusammen und geht eben so
spurlos vorüber, wie es sich unmerklich aufbaute, und eine
Welt voll Leben von seinem Dasein abhängig machte,
FÜNFTER BRIEF.
CHEMISMUS DER PFLANZE.
Das Wunderbarste bei der Bildung der Pflanze ist und
bleibt immer die Kunst, wie sie aus einigen wenigen Elemen-
ten, die sie aus der Luft und dem Boden schöpft, das ganze
Material ihres Baues, das, wie bekannt, von der mannigfaltig-
sten Beschaffenheit ist, zu erzeugen im Stande ist. Das Ganze
wird noch seltsamer, wenn man bedenkt, dass alles, was her-
vorgebracht wird, von den Zellen ausgeht, und dass daher
von diesen ausserordentlich kleinen, mikroskopischen Körper-
chen, von dem was in ihnen und an ihnen vorgeht, die ver-
schiedenartigsten Stoffe ihren Ursprung nehmen, die wir in
der Pflanzenwelt wahrnehmen. Wer möchte in diesen kleinen
chemischen Laboratorien diese Kraft und Energie suchen, die
wir bei all’ unserer Kunst in den Laboratorien und chemischen
Fabriken nur theilweise und kaum halb so präzise zu Stande
zu bringen vermögen.
Lassen Sie mich nun die Pflanze oder vielmehr die Pflan-
zenzelle als geschäftigen, ja ich möchte sagen, als nie feiern-
den, bei Tag und Nacht, Winter und Sommer, wenn gleich
stets in anderer Weise beschäftigten Spagiriker*) betrachten.
*) Der Name Spagiriker wurde im Mittelalter dem Chemiker (Achemisten)
als einem der die Stoffe zu lösen, zu trennen (or«eıv) und zu binden, zu
vereinigen (@yeigsıv) vermag, gegeben.
39
Was die Pflanze von Aussen erhält, sind nur einige we-
nige Grundstoffe, die sich fast nur auf Kohlenstoff, Sauerstoff,
Wasserstoff und Stickstoff beschränken, denn die Antheile von
Schwefel, Phosphor, Chlor, Jod, so wie von Kali, Natron,
Kalk-, Bitter- und Kieselerde u. s. w., die sie noch benöthi-
get, sind gegen den Verbrauch der ersteren Stoffe als ver-
schwindend klein zu betrachten.
Am meisten bedarf sie Wasser, nicht weil mit demselben
alle übrigen Stoffe eingeschmuggelt werden müssen, sondern weil
sie ihre ganze Schwarzkunst nur auf dem sogenannten nassen
"Wege zu treiben im Stande ist, d. h. es nur mit wässerigen Auf-
lösungen zu thun hat. Wenn man durch Versuche, die man mit
vieler Genauigkeit über den Verbrauch von Wasser angestellt
hat, erfährt, dass ein Morgen Wiesen - oder Getreidefeld 6 Mil-
lionen Pfund Wasser und ein eben so grosser Fleck Waldes eher
mehr als weniger für die Vegetationszeit bedarf, so muss man
wahrhaftig über die Mengen staunen und fragen, ob denn wirk-
lich auch so viel Wasser für einen so kleinen Raum und in so
kurzer Zeit aufgebracht werden kann. Wir sehen wohl, dass
die unerschöpfliche Quelle, diese Goldader der Prosperität der
Pflanzen nur in den himmlischen Gaben des Regens, des
Thaues u. s. w. liegen kann, und dass dort, wo der Himmel
dieses Füllhorn seiner Gnade nicht ergiesst, auch kein Ge-
deihen, ja nicht einmal das Vorhandensein einer spärlichen
Vegetation möglich ist. Nicht weil die Sahara, die lybische
Wüste, das Sandmeer Schamo, die Westküste von Bolivia
u. a. m. sandige und felsige Gegenden sind, kann da keine
Vegetation aufkommen, sondern weil es an Regen und wäs-
serigen Niederschlägen überhaupt fehlt, denn wie bekannt
40
regnet es da nur alle zwölf Jahre einmal, und das nicht
immer. |
Nächst dem Wasser und den Bestandtheilen desselben ist
der Kohlenstoff der wichtigste, denn wir mögen was im-
mer für einen Pflanzentheil auf seine elementare Beschaffen-
heit untersuchen , so spielt der Kohlenstoff fast immer eine
Rolle dabei, in den meisten Fällen sogar die Hauptrolle. Wo-
her nimmt aber die so weit verbreitete Pflanzenwelt ein so
grosses (Juantum eines Stoffes, der sich bei weitem nicht so
häufig auf der Erde findet als das Wasser. Fast möchte es
uns bedünken, dass die kleine Quantität von Kohlensäure,
welche in der Atmosphäre vorhanden ist, (Yooo Ihres Gewich-
tes oder %,o-000 DIS 0.000 Ihres Volumens) nicht ausreicht,
wenn uns die Chemiker nicht berechnet hätten, dass daraus
die ganze lebende und abgestorbene Vegetation leicht ihren
Bedarf decken konnte und diese Quelle dabei noch lange nicht
erschöpft sei.
Der vierte Stoff endlich, der zu den unentbehrlichsten
gehört, ist der Stickstoff. Wenn die drei erstgenannten
Stoffe auch vorzugsweise das Leibliche der Pflanze ausmachen,
und namentlich zur Bildung der Zellwand verwendet werden,
so scheint doch bei dem ganzen Bauunternehmen ein Stoff
nothwendig zu sein, der das Ganze so zu sagen in den Gang
bringt, es unterhält und für seine Vollendung Bürgschaft lei-
stet. Dieser Archaeus, dieser Bürge, der den nöthigen Kredit
leistet, ist der Stickstoff. — Der Stickstoff beginnt die Arbeit,
macht die Bildung jeder einzelnen Zelle erst möglich und ist
überhaupt dort zu treffen, wo es etwas zu thun und zu schaf-
fen gibt. Während Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff
41
vorzüglich ihre Wirksamkeit auf das Grenzgebiet des Zellle-
bens beschränken, waltet der Stickstoff im Innern, im Kern
der Zelle und leitet alle Vorgänge ein ('°). Welche Bedeu-
tung die übrigen oben angeführten Stoffe ha-
ben, ist vor der Hand noch nicht leicht zu
errathen, obgleich ihr Antheil: an gewissen
Bestrebungen bei dem umfassenden Bauunter-
nehmen nur zu deutlich hie und da bemerkt
werden kann.
Sind diese einfachen Stoffe nun aus der Aussenwelt in
den Organismus, in die Zelle eingeführt, so sind sie noch
keineswegs das, was sie werden sollen. Schon ihre Einfüh-
rung ist nur unter gewissen Rücksichten, nämlich den ihrer
Natur und Wirkungsweise entsprechenden Umständen möglich,
um wie viel mehr ihr Verhalten gegen einander, sobald sie
Bestandtheile der Zellen selbst geworden sind.
Noch ist ein dichter Schleier über jene Vorgänge gezogen,
durch die einfache Stoffe zu jenen neuen Verbindungen zu-
sammentreten, wodurch sowohl der Inhalt der Zelle als das
Grenzgebilde ihrer Thätigkeit, die Zellenmembran , gebildet
wird; und wenn wir auch die Affinitätsgesetze kennen, nach
welchen sie nur allein auf einander zu wirken im Stande sind,
so ist es uns bisher doch immer noch nicht gelungen, diesen
geheimnissvollen Vorgang der Natur in der Art abzulauschen,
dass wir im Stande wären, denselben in unseren chemischen
Fig. 16. Sowohl der Zellkern (Cytoblastus), nämlich das runde, linsenför-
mige Bläschen mit dem Kernkörperchen, als die ihn umgebende und durch
den ganzen Zellraum vertheilte körnige Substanz (Protoplasma) besteht
vorzüglich aus stickstoffhaltigen Substanzen.
42
Laboratorien zu wiederholen. Die chemische Wirksam-
keit der Zelle ist, wenn gleich nicht in ihren
Produkten, so doch in ihrer Synthesis ein Räth-
sel, und die Pflanze für uns in diesem Anbetrachte noch im-
ıner die einzige Goldmacherin, die es gibt.
Berücksichtigen wir die chemische Wirksamkeit der Zelle
in ihren Produkten, so lässt sich Folgendes wahrnehmen. Die
durch die Verbindung jener einfachen Stoffe hervorgehenden
Körper sind mannigfaltiger Art, sowohl rücksichtlich ihrer Zu-
sammensetzung als in Bezug auf ihre physikalischen Eigen-
schaften und ihre Bestandform. Doch kann man sie füglich
in vier grosse Gruppen bringen; diese sind 1) indifferente
stickstofffreie Körper; 2) indifferente stickstoffhaltige Körper ;
3) Pflanzensäuren und 4) Körper, welche die Rolle von Alka-
lien spielen (Pflanzenalkaloide).
Von diesen vier grösseren Gruppen, die eine zahllose
Menge untergeordneter verschiedener Körper in sich fassen,
gehören nur die beiden ersten unter die verbreitetsten und
auch darunter nur einige wenige, welche an der Struktur fast
aller Pflanzen Theil nehmen und fast nirgends zu fehlen schei-
nen, während die anderen sich von mehr oder weniger unter-
geordneter Natur zeigen und häufig eine sehr beschränkte, oft
nur einer gewissen Abtheilung von Gewächsen zukommende
Verbreitung besitzen.
Zu den allgemein verbreiteten stickstofffreien Bestandthei-
len der Pflanzen gehören : 1) der Zellstoff oder Membranstoff,
die ehemals sogenannte Holzfaser, 2) das Stärkemehl (Amy-
lum) (u. '®), 3) der Zucker, 4) das Gummi, 5) die Pflan-
zengallerte und noch mehrere, die in den verwandtschaftlich-
+43
sten Verhältnissen zu einander stehen und obgleich in ver-
schiedenen äusseren Eigenschaften erscheinen, doch ihrer che-
mischen Natur nach
eins und dasselbe sind.
Der Chemiker, der von
Hermes Trismegistos
an in Zauberformeln
zu reden gewohnt ist,
ruft mit der Beschwö-
rungsformel C,, H,,
O,, Alle diese Körper
hervor, d. h., wenn
ihm einer oder der andere davon gegeben ist. Ein Bischen
Salpetersäure oder Schwefelsäure, ein Laugensalz zu diesem
oder jenem gebracht, und flugs ist es ein anderer, Stärke in
Zucker, Holzfaser in Stärke u. s. w. zu verwandeln, ist ihm
eine Kleinigkeit. Dies beweiset aber nur so viel, dass es der
Pflanze ebenfalls sehr leicht sein mag, aus eigenen Mitteln
solche Verwandlungen vorzunehmen, und in der That ist sie
auch zu bewundern, wie sie bald dies, bald das, je nach ih-
rem Bedarfe zu erzeugen vermag.
Ein Beispiel mag dies erläutern. Keine Pflanze hat, wenn
sie sich aus dem Samenkorn entwickelt, noch jene Organe,
die ihr später die Nahrungsstoffe zuführen. Sie bedarf dersel-
ben anfänglich aber so gut wie nachher, ja noch mehr, da
Fig. 17. Eine Zelle aus der Kartoffel mit Stärkemehl (Amylum) fast ganz
erfüllt. u
Fig. 15. Drei Stärkekörner aus derselben Zelle stark vergrössert. Man ge-
wahrt überall einen kleinen Kern als Grundlage, über welchen sich con-
eentrische Schichten von Stärke abgelagert haben.
44
sie eben im Begriffe steht, ihre Substanz nach allen Richtun-
gen zu vermehren, mit einem Worte Zellen zu erzeugen. Um
dies wichtige Geschäft, von welchem allein ihre fernere Er-
haltung abhängig ist, vollführen zu können, ist die Einrich-
tung getroffen, dass der Keim eine grosse Menge für ihn
überflüssigen Zellstoff unter der Form von Amylum, Oel u. s. w.
' von der Mutterpflanze als einen Zehrpfennig mitbekommt. So
wie der Same zu keimen anfängt, hat er nichts Angelegent-
licheres zu thun, als diese Zehrpfennige in gangbare Münze
umzutauschen, und wie von selbst entsteht aus Amylum
Zucker, aus Zucker Pflanzengallerte und aus dieser endlich
die Zellwand, wodurch die Integrität der Zelle vollendet und
der Pflanzenbau damit einen Stein um den andern gewinnt.
Solche Beispiele liessen sich noch mehrere anführen, denn es
gehört gar. nicht zu den Sonderbarkeiten im Pflanzenleben,
einen Stoff in den andern übergeführt zu sehen. Das Wun-
der von Chanaan ist etwas Alltägliches.
Der Chemiker nennt alle diese Körper von jener und die-
ser ähnlichen Formel Kohlehydrate, was so viel sagen will,
als Verbindungen von Kohlenstoff und Wasser oder eigentlich
Kohlenstoff (C.) mit den Bestandtheilen des Wassers (H O.).
Nun lässt sich wohl denken, dass in manchen Fällen noch ein
Ueberschuss von Wasserstoff (H.) oder ein Ueberschuss von
Sauerstoff (O.) zu Stande kommt, was in dem einen Falle
fette Oele, im andern die Pflanzensäuren, wie z. B. die Apfel-
säure, Citronensäure, Gerbsäure, Gallussäure u. a. m. hervor-
ruft. Das Wohlschmeckende und Nahrhafte mancher Pflanzen-
theile liegt eben in der Kombination dieser mit jenen Pflan-
zenstoffen, worin insbesondere die Früchte eine so grosse Aus-
wahl darbieten.-
49
Die stickstoffhaltigen Bestandtheile sind ebenfalls entwe-
der indifferent, oder sie tragen am häufigsten die Natur einer
Base. Alle jungen Pflanzentheile, die Samen, Knospen u. s. w.
besitzen die stickstoffhaltigen indifferenten Stoffe in verhält-
nissmässig grösster Menge. Der Kleber, das Eiweiss, das Le-
gumin der Pflanzen gehört dahin. Man fasst sie alle mit dem
gemeinsamen Namen der Proteinstoffe zusammen,
Sie sind nicht nur für den Betrieb des Pflanzenbaues von
grösster Wichtigkeit, regen und bewegen alles, sind die wah-
ren Hebel und Aufzugsmaschinen, ohne welche alles stille
stehen würde, sondern sie sind zugleich jene Stoffe, ohne
welche ein Thierleben nicht gedacht werden kann, indem
Fleisch, Blut, Milch u. s. w., wodurch sich eben das Thier
vor allen andern Wesen so auszeichnet, ihrer Wesenheit nach
nicht im Thiere selbst bereitet, sondern als bereits gebildet
von der Pflanze hergeholt wird. Diese bedeutungsvolle Be-
ziehung zwischen zwei scheinbar so differenten Wesenreihen
deutet ohne Zweifel auf eine nähere Verbindung beider, als
man anzunehmen gewohnt ist. Wenn daher Liebig sagt:
der Thierorganismus sei eine höhere Pflanze, deren Entwick-
lung mit denjenigen Materien beginne, mit deren Erzeugung
das Leben der Pflanze aufhöre, so ist dies nichts mehr, als
was die lauterste Erfahrung an die Hand gibt.
So wie die Pflanzensäuren, so sind auch die stickstoff-
haltigen Alkaloide weniger als nothwendige Bestandtheile, als
vielmehr als Nebenprodukte im chemischen Laboratorio der
Zelle zu betrachten und mögen so wie die anorganischen Ba-
sen, welche von Aussen aufgenommen werden, nur den Zweck
haben, bald hier bald dort etwas auszugleichen (neutralisiren),
46
was nicht ohne schärfer hervortretende Differenzen hervorzu-
bringen möglich war. Wo das nicht thunlich ist, wo jene
Differenzen, ohne ins Gleichgewicht gebracht zu werden, sich
vielmehr steigern und anhäufen, da ist auch der Fortbestand
des Ganzen gefährdet. Die Pflanze ohne diese stetige Selbst-
versöhnung müsste sich im Kampfe ihrer Elmente und Stoffe
von selbst aufreiben.
Wird dies dort und da zuweilen unmöglich oder nur
theilweise möglich gemacht, so ist die nothwendige Folge Er-
krankung und Tod. Ein solches bleibendes Siechthum aus
dieser Quelle finden wir nur zu häufig an unseren Kultur-
pflanzen, daher dem Gartenbau sowohl als dem Feldbau noch
viel zu thun bleibt, um diese Fehlerquelle in der Behandlung
ihrer Schützlinge zu vermeiden. Was Liebig in dieser Be-
ziehung als. Diätetiker und Prophylaktiker gethan, weiss die
ganze Welt.
Um noch einmal einen Blick in das Innere der Pflanze
zu thun und die verschiedenen Vorgänge, die sich da im
Stillen fortspinnen, zu betrachten, so können wir nicht genug
unser Erstaunen darüber ausdrücken, welche Reihenfolge der
verschiedensten chemischen Vorgänge in einem und demsel-
ben mikroskopischen Laboratorio vorgehen, und wie selbst in
dem Gewebe von Zellen einer und derselben Pflanze, eines
und desselben Pflanzentheiles, ja oft ganz nachbarlichen Zel-
len die verschiedenartigsten chemischen Produkte zum Vor-
schein kommen, Hier eine Zelle voll mit wässerigem Pflanzen-
saft, in welchem Gummi oder Schleim aufgelöset ist, dort eine,
in welcher noch Zucker zur Lösung hinzutritt, diese mit
Amylumkörnern erfüllt, jene voll Oeltröpfchen, — hier ganze
.e
47
Gruppen von Zellen mit grünen, dort mit rothen, gelben,
blauen Farbestoffen erfüllet; hier Bündel, dort Drusen von
Krystallen einschliessend. ('?)
Etwas Mannigfaltigeres lässt
sich kaum sehen, als das, was
jeder Durchschnitt was immer
für eines Pflanzentheiles durch
das Mikroskop betrachtet, dar-
bietet.
Wie verändert erscheint nun
das bisher durchgeführte Bild
eines Mauerwerkes aus gleich-
artigen Massen, womit wir die
Pflanze verglichen, bei der je-
der Stein nicht blos ein Haus
für sich darstellt, sondern in
dem sogar die verschiedensten
Geschäfte abgethan werden.
Wahrlich ein Blick in dieses seltsame Bauwerk, wo man von
Stufe zu Stufe in neue unbekannte Räume geräth, wo man
mit aller Schärfe des Auges kaum über die Vorhalle des er-
sten vorzudringen im Stande ist, gewährt nicht viel anderes
als ein Blick in die Tiefe des Sternenhimmels, in dem die
Nebelstreifen der Welteninseln uns eben so verbergen, was
hinter ihnen vor sich geht.
Fig. 19. Parenchymatische Zellen mit grünen Farbebläschen (Chlorophyll-
bläschen) 5), — mit Kıystallen e und Krystallgruppen d erfüllet. In
einigen derselben findet sich noch der Zellkern e.
SECHSTER BRIEF.
AUFNAHME UND VERTHEILUNG DER NAHRUNGSSTOFFE,
AUSSCHEIDUNG DES WASSERS.
Wenn wir uns den Bau der Zelle noch einmal recht ver-
gegenwärtigen, so können wir sie nicht anders als eine von
allen Seiten verschlossene Kammer denken. Soll diese beste-
hen, soll sie sich vergrössern und in sich sogar neue Kammern
zimmern, so muss sie den Bedarf dazu von Aussen beziehen.
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und was sie
sonst noch an Alkalien und Erden bedarf, kann unter diesen
Umständen nur in luftförmiger oder flüssiger Form in sie ge-
langen: der Kohlenstoff also nur als Kohlensäure, der
Stickstoff als Ammoniak, die Erden und Alkalien nur als
Salze, — alles vom Wasser aufgelöset. Die mit einer grös-
seren oder geringeren Menge von Flüssigkeiten erfüllte Zelle
kann diese Rohstoffe, ihre Nahrung, ferner nur aufnehmen,
wenn sie mit diesen in unmittelbaren Kontakt tritt. Hierin
beruht das ganze Geheimniss der Aufnahme der Nahrungs-
stoffe, hierin auch die ganze Weiterbeförderung in dem Falle,
als die Pflanze aus mehr als Einer Zelle besteht. Zu dem
ganzen Vorgange bedarf es weder eines Pumpwerkes noch
einer Hebmaschine. Alles geschieht aber doch so präcise wie
49
in der besten Maschinerie und dabei so unmerklich, dass in
der That nicht die geringste Kraftanstrengung dabei nöthig
ist, als jene, welche Flüssigkeiten von ungleicher Dichte oder
Körpertheilchen überhaupt auf einander ausüben. Auch hier
erweiset sich von Neuem die grosse Meisterschaft des Pflan-
zenarchitekten, der allen Apparat verschmäht, und doch schnel-
ler und sicherer zum Ziele gelangt, als die Erbauer aller un-
serer grossen Bauwerke. Haben wir früher die Pflanze als
Chemiker zu bewundern Gelegenheit gehabt, so wird das nicht
minder in Anbetracht ihrer physikalischen Tüchtigkeit und
Vollendung der Fall sein,
Das erste und wichtigste Geschäft für den Betrieb des
Lebens bleibt die Zufuhr der Nahrungsflüssigkeit, mit der die
Pflanze durch ihre unteren im Boden stehenden Theile fast
immer in Berührung kommt. Das mit kleinen Mengen von
Kohlensäure, Ammoniak und einigen Salzen geschwängerte
Wasser kommt da mit den äussersten Zellen der Pflanze in
Berührung, die natürlich von ganz anderen Säften, immerhin
aber mit concentrirten Flüssigkeiten erfüllet sind.
Zufolge des Gesetzes des Austausches ungleichartiger
Flüssigkeiten können dieselben keinen Augenblick neben ein-
ander existiren, ohne auf einander einzuwirken.
Wenn wir ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas lang-
sam mit rothem Weine voll machen, so werden zwar eine Zeit
lang beide Flüssigkeiten durch scharfe Grenzen von einander
geschieden bleiben; nach und nach werden sie sich aber zu
vermischen anfangen und zuletzt wird es keinen Flüssigkeits-
theil mehr geben, der nicht Wein und Wasser zu denselben
Theilen vermischt darstellte. Diess geschieht auch, obgleich
Botanische Briefe, 4
50
etwas langsamer, wenn beide Flüssigkeiten durch eine Haut
von einander getrennt sind, oder wenn eine derselben in eine
Blase gefüllt mit der andern in Berührung kommt. Die Blase
hindert die Einwirkung der Flüssigkeiten auf einander nicht,
da sie dieselbe durchdringend immer wieder zusammentreffen
und sich ins Gleichgewicht setzen müssen. Ist die koncen-
trirtere Flüssigkeit von der Blase eingeschlossen, so wird
mehr von der minder koncentrirten in diese übergeführt, als
von derselben nach Aussen austreten. Die Blase wird sich
füllen und endlich sogar bersten; ist jedoch umgekehrt die
koncentrirtere Flüssigkeit ausserhalb der Blase, so wird ihr
Inhalt vermindert und dieselbe nach und nach zusammenfal-
len. Von diesen beiden Verhältnissen findet nur das erstere
bei der Pflanzenzelle statt, die mit der überall verbreiteten
verdünnten Nahrungsflüssigkeit in Berührung tritt; es kann
nicht anders als ein Eintritt derselben in die Zelle erfolgen,
oder wie es die Physiker nennen, eine Endosmose statt-
finden.
Bei dem gewöhnlich vorkommenden Koncentrationsgrade
des Zellinhaltes lässt sich sogar berechnen, dass dieser Ein-
tritt der Flüssigkeit in den Zellraum mit einer Kraft geschieht,
welcher dem Drucke von anderthalb Atmosphären das Gleich-
gewicht hält, somit auf einem ganz gewöhnlichen physikali-
schen Vorgang beruht, der sich schätzen und messen lässt.
Allein nicht bloss die Aufnahme, sondern auch die Wei-
terförderung und Vertheilung der Säftemasse erfolgt bei der
Pflanze, welche aus einer Mehrheit solcher Saugapparate be-
steht, auf dieselbe Weise, vorausgesetzt, dass die verschie-
denen Zellen, woraus sie besteht, Flüssigkeiten von verschie-
denen Koncentrationsgraden und Quantitäten enthält, was auch
der Fall ist.
Gummilösungen, Zuckerlösungen und Proteinsubstanzen
nehmen hierin einen sehr verschiedenen Antheil, und jene
Zellen werden unter übrigens gleichen Umständen immer mehr
Säfte an sich ziehen, in welchen sich die meisten Proteinstoffe
befinden. Da diess die jungen eben in der Entwicklung be-
griffenen Zellen sind, so muss eben dahin der Saftstrom ganz
vorzugsweise geleitet werden. Dieser Umstand führt aber
einen andern herbei, der mit der Ausbildung der Zellen selbst
in direktem Zusammenhange steht, und der darin besteht,
dass, wenn die Richtung des Saftstromes durch diese Um-
stände bedingt ist, auch die Ausbildung der Zelle sich dar-
nach richten muss. Es wird die anfänglich rundliche Zelle,
durch welche fort und fort der Saftstrom eine und dieselbe
Richtung befolgt, eben in derselben eine stärkere Ernährung
und dadurch einen grösseren Zuwachs erhalten, so dass man
aus der ungleichen Vergrösserung derselben auf die Richtung
des Saftstromes schliessen kann. Alle verlängerten Zellen,
alle schlauchartigen, cylindrischen und prismatischen Formen
haben offenbar hierin ihren Ursprung und die früher erwähn-
ten Gefässe sind nichts anders, als solche früh altgewordene
und abgestorbene Cylinderzellen, in welchen der Saftstrom
auf das Lebhafteste vor sich ging, und selbst in der ausge-
bildeten Pflanze bezeichnen eben die Bündel solcher Zellen
und Gefässe (Gefässbündel) die früher vorhandene und theil-
weise noch stattfindende Richtung des Saftstromes (*°).
Es geht aber aus dieser Einrichtung von selbst hervor,
dass die Pflanze keine solchen Kanäle bedarf, in welchen die
4*
92
Fig. 20. Nahrungsflüssigkeiten
weiter befördert wer-
den, wie sie die Thiere
nöthig haben, wo die
Ermährung und Wie-
dererzeugung der Sub-
stanz ganz andern Be-
dingungen unterworfen
ist, als wie ın der
Pflanze.
Die ganze Auf-
nahme und Verthei-
lung der Säfte der
Pflanzen und als Folge
== davon die Emährung
= und das Wachsthum
= hängt sonach von der
= DDDDDDDDDNDDDIN
I
& Beschaffenheit der Zell-
membran und von den in den Reihen der Zellen selbst fort
und fort zunehmenden Koncentrationsgrade des flüssigen In-
Fig. 20. Wenn man eine weissblühende Hyacinthe, ohne sie aus dem Topfe
zu nehmen, mit dem geklärten Safte der Kermesbeere (Phytolacca decan-
dra) begiesst, so gewahrt man schon nach einigen Stunden eine röth-
liche Färbung der Blüthen, was nur daher rühren kann, dass der inten-
siv rothe Saft der Kermesbeere unverändert von den Wurzeln aufgenom-
men, durch den Schaft weitergeführt und bis in die farblosen Zellen der
Blüthenhülle geleitet wird. Indem man alle diese Theile von oben bis
unten anatomisch untersucht, lässt sich ganz augenfällig der Weg nach-
weisen, auf welchem die Saftleitung geschah. Ein Stückchen aus dem
untern Theile der Blüthenhülle, welches Fig. 20 darstellt, zeigt, dass
alle mit Pfeilen bezeichnete Zellen den rothen Saft der Kermesbeere ent-
hielten und auch weiter nach aufwärts nach der Richtung der Pfeile ge-
führt haben. Es zeigt sich ferner, dass bei dieser Saftführung sich we-
der die Spiralgefässe «a. «a, noch die Luftgänge b.b betheiligten.
5
haltes ab. Ohne der Eigenschaft der Cellulose oder des Mem-
branstoffes für wässerige Flüssigkeiten durchdringlich zu sein,
ohne von denselben aufgelöset und verflüssiget zu werden,
würde überhaupt kein Bestand der Zelle im Konflikte mit
- Wasser und Feuchtigkeit, und überdies keine Aufnahme der-
selben in das Innere möglich sein. Ohne reihenweise zuneh-
mende Koncentration der Säfte in den Zellen, würde eben so
wenig eine Mittheilung von einer in die andere erfolgen
können.
Um das Letztere zu bewirken, sind zwei Vorgänge un-
umgänglich nothwendig, wovon der eine das nöthige Mass der
Koncentration unabhängig von aller chemischen Veränderung
fort und fort regulirt, der andere die Umwandlung der auf-
genommenen Flüssigkeit einleitet und auf chemischem Wege
zu demselben Zwecke gelangt. Beide Prozesse, oft in ihren
gegenseitigen Wirkungen gestört, bringen doch in ihrer Kom-
pensation hervor, dass nie ein Stillstand in der Bewegung
eintritt und daher auch jeder Pflanzentheil zu allen Zeiten den
nöthigen Bedarf von Bildungsstoffen erlangt. Der eine Vor-
gang ist der der Verdunstung, der andere jener der As-
similation.
Mit alleiniger Ausnahme der Wasserpflanzen sind alle
Gewächse, und wenn sie auch nur aus einer einzigen Zelle
bestehen, theilweise der Luft ausgesetzt, die nicht ohne Ein-
wirkung auf sie bleiben kann. Die auffallendste Wirkung da-
von ist die Verdunstung des Wassers, welches die Zellhaut
stets erfüllt, und welches daher immer wieder von Innen aus
ersetzt werden muss. Es kann nicht anders kommen, als
dass zuletzt die Säfte im Innern der Zelle nach und nach
>
ärmer an Wasser, somit koncentrirter werden, und die wei-
tere Folge davon ist, dass der Saftstrom dahin gerichtet sein
wird, wo sich das Bedürfniss von Wasser am meisten zeigt.
Würden bei mehrzeiligen Pflanzen die Zellen der äusse-
ren Schichten gleich jenen der inneren Schichten gebaut sein,
so wäre nicht abzusehen, warum der Ersatz von Flüssigkeit
nicht bei allen in gleichem Masse erfolgen, und warum der
Saftstrom nicht gleichmässig nach der ganzen Peripherie der
Pflanze stattfinden sollte.
Dem ist aber nicht so, da gerade die peripherischen Zell-
schichten so manche Einrichtung haben, wodurch die Verdun-
stung erschwert und verlangsamt wird, in Folge dessen es ge-
wissen andern Theilen des Zellgewebes möglich wird, den Saft-
strom an sich zu ziehen. Nur durch diese sinnreiche Einrich-
tung gelingt es der Pflanze, den von Zelle zu Zelle fortschrei-
tenden Strom der Säfte an jene Stellen zu ziehen, wo vor-
zugsweise Neubildungen stattfinden. Indess gibt es nicht
wenige Theile der Pflanze, die der Verdunstung des Wassers
ganz besonders unterworfen sein müssen, und das sind alle
jene, welche bedeutende Flächen darbieten, also die Blätter.
Man kann sagen, dass diese Organe, indem sie die Verdun-
stung befördern, ganz vorzugsweise die Erneuerung des Zell-
inhaltes und den Stoffwechsel überhaupt begünstigen und da-
her als die wichtigsten Hebel des Wachsthumes angesehen
werden müssen. Wenn man bedenkt, dass ein Blatt von
mittelmässiger Grösse täglich im Durchschnitt 1—2 Gram-
men Wasser ausdünstet, und dass dies für die ganze Pflanze
und für einen Morgen Landes berechnet in dem ersteren
Falle wenigstens 50 Grammen, im anderen 60,000 Pfund be-
55
trägt, so ist der oben für die ganze Vegetationszeit ange-
führte Bedarf eines Morgen Landes von 6 Millionen Pfund
wohl ganz begreiflich. Von dieser enormen Menge kommt
indess kaum ein Drittel für die verschiedenen Stoffbildungen
der Pflanze zu Gute.
SIEBENTER BRIEF.
ASSIMILATIONS- ERSCHEINUNGEN
Ich darf wohl voraussetzen, dass keiner meiner Leser
bei der Erzählung der Vorgänge, welche die Wasseraufnahme
sowohl als die Wasserabgabe durch die Verdunstung beglei-
ten, sich diese so gedacht haben wird, als ob das Wasser da-
bei eine rein transitorische Rolle spielte. Es ist zwar wahr,
dass das durch den Pflanzenorganismus durchströmende Was-
ser ganz eigentlich das Mühlrad der Betriebsamkeit in Be-
wegung setzt, allein es ist eben so wahr, dass es in den
aufgelösten Nahrungsmitteln der Kohlensäure, des Ammoniak’s
u. s. w. zugleich das zu Verarbeitende mitführt und sich da-
bei selbst dadurch betheiliget, dass es wenigstens zum Theile
aufhört Wasser zu bleiben, und so in die Verwandlung der
Stoffe mit eingeht. Es würde gegenwärtig noch ein sehr ver-
messenes Beginnen sein, das Wasser sowohl als die übrigen
darin aufgelösten Stoffe auf ihren Wanderungen sowohl als
in ihren Metamorphosen zu verfolgen, doch so viel ist gewiss,
dass dieselben in die Zellen eingedrungen, bald ihren ur-
sprünglichen Charakter verlieren, und nur das, was der Ver-
änderung, d. i. der neuen Kombination nicht zusagt, mehr
oder weniger in der primitiven Form von Zelle zu Zelle fort-
57
zieht und nicht selten so wie es aufgenommen wurde, wieder
ausgeschieden wird. Die Säfte der Pflanzen, aus welchen
Theilen wir sie immer nehmen, enthalten, mit wenigen Aus-
nahmen weder Kohlensäure noch Ammoniak, noch humus-
saure Salze, sondern fast durchaus andere Verbindungen der
Elementarstoffe, und beweisen daher, dass sie bereits mehr
oder minder zu Assimilationsprodukten umgeschaffen
wurden. Von der Energie, womit diese Verwandlung betrie-
ben wird, die aber natürlich ganz vorzüglich von Aussenver-
hältnissen, namentlich von der Temperatur und dem Licht-
einflusse abhängig ist, sind mehrere Erscheinungen abzuleiten,
die nicht unwichtig, sowohl für die Pflanze selbst, als für
den Haushalt der gesammten Natur sind. Zu diesen Erschei-
nungen gehört vor allen andern das Verhältniss der
Pflanzen zur umgebenden Atmosphäre. Aber auch
hierin dürfen wir keine andern Vorgänge erwarten, als die
sind, welche sich aus chemischen und physikalischen Gesetzen
als nothwendig ergeben müssen.
Es lässt sich aus dem, was die Pflanze von Aussen auf-
nimmt, und was sich in der Folge eben daraus hervorgebil-
det hat, sehr deutlich entnehmen, dass sie dabei keine geringe
Menge von Sauerstoff erübriget. Dieser Sauerstoff muss ab-
geschieden werden, und da die Pflanzensäfte selbst nur eine
geringe Quantität aufzunehmen im Stande sind, so muss aller
Ueberschuss an die Atmosphäre abgegeben werden. In der
That findet sich dies auch durch die Erfahrung bestätiget,
und namentlich bemerken wir unter jenen Umständen, welche
eine raschere Umwandlung der Stoffe, also einen grösseren
Verbrauch von rohen Nahrungsmitteln herbeiführen, die Aus-
38
scheidung von Sauerstoff in einem bedeutenden Masse gestei-
gert. Es ist wohl begreiflich, dass bei direkter Einwirkung
der Sonne und des Lichtes überhaupt die Geschäftigkeit der
Pflanze sichtlich zunimmt. Wir sehen desshalb auch die Ent-
wicklung von Sauerstoffgas aus der Pflanze unter die-
sen Umständen bedeutend vermehrt. Blätter und grüne Pflan-
zentheile überhaupt unter Wasser gebracht und dem Sonnen-
lichte ausgesetzt beschlagen sich bald dicht mit Luftbläschen,
die gesammelt und untersucht sich als Sauerstoffgas zu er-
kennen geben. Die Quantitäten von Sauerstoffgas, welche
sich in heiteren Sommertagen auf Wiesen und in Wäldern
entwickeln, kann daher nicht unbedeutend sein. Der schat-
tige Baum wirkt nicht blos durch seine Kühle einladend auf
uns, sondern ohne dass wir es merken, auch noch durch das
Wohlbehagen, das mit der Einathmung einer sauerstoffreiche-
ren Luft nothwendig verbunden ist. Die raschere Konsum-
tion der Nahrungsmittel und namentlich der durch das auf-
genommene Wasser eingeführten Kohlensäure reicht unter die-
sen Umständen sogar nicht einmal aus, und die ihrer Koh-
lensäure ganz und gar beraubten Pflanzentheile suchen, da
die eine Quelle nicht mehr genügt, sie auf was immer für
eine Weise zu erhaschen. Hierzu sind aber alle peripheri-
schen Pflanzentheile, die mit der Luft in Berührung stehen,
ganz geeignet. Die in ihnen enthaltenen Säfte werden ihrer
ganz auf dieselbe Weise habhaft, wie ein jedes Wasser, das
der Luft ausgesetzt wird, sich mit Kohlensäure schwängert.
Die Pflanze empfängt dabei dem Volumen nach oft eben so
viel, als ihre ganze Flüssigkeitsmenge beträgt. Wir schen
also, dass mit der Ausscheidung von Oxygen zugleich
59
eine Aufnahme von Kohlenstoff stattfindet, und dass
beide Prozesse ganz und gar von den chemischen und physikali-
schen Vorgängen in der Pflanze und um die Pflanze abhängig sind.
Es darf uns daher keineswegs Wunder nehmen, wenn unter
veränderten Verhältnissen, wo das Licht nicht einwirkt und
alle Prozesse der Assimilation verlangsamen , auch ein ganz
anderes, dem ersteren fast entgegengesetztes Resultat zu Tage
kommt.
Betrachten wir dieselbe Pflanze, die bei Tage Sauerstoff-
gas entband und Kohlensäure aus der Luft aufnahm, bei der
Nacht. Da die Thätigkeit der Aufnahmsorgane bei hinrei-
chender Nahrung zu allen Zeiten fast dieselbe erscheint, die
Assimilation und der Verbrauch aber sich vermindert, so kann
es nicht anders kommen, als dass Kohlensäure im Pflanzen-
safte sich dergestalt anhäuft, dass sie in demselben nicht mehr
aufgelöset erhalten werden kann, und wie nur immer Gelegen-
heit dazu ist, unverdaut wieder abgegeben wird.
Dazu sind nun wieder die peripherischen Pflanzentheile,
die mit der Luft in Berührung stehen, am geeignetsten, und
dieselben Organe, die bei Tage ein Bedürfniss zur Aufnahme
selbst der geringen in der atmosphärischen Luft enthaltenen
Kohlensäure zeigen, sind es, die bei Nacht die Abgabe noch
viel grösserer Quantitäten derselben vermitteln. Dabei kommt
es nun ganz natürlich, dass wegen Mangel des freien Sauer-
stoffes in den Pflanzensäften, ein Uebertritt desselben aus der
Luft, mit andern Worten eine Absorbtion nothwendig statt-
finden muss; doch ist derselbe immerhin nur sehr gering und
beträgt nach den hierüber angestellten Versuchen höchstens
60
4.5 Procent bis 6.5 Procent des Volumens der in der ganzen
Pflanze enthaltenen Flüssigkeit.
Die Ausscheidung der Kohlensäure bei Nacht hält der
Aufnahme derselben bei Tage keineswegs das Gleichgewicht.
Es wird also immerhin von der Pflanze mehr konsumirt, als
an die Atmosphäre zurückgegeben. Diess hat denn die Folge,
dass die Luft in den Thälern und auf mässigen Gebirgshöhen,
die mit einer reichen Vegetation bedeckt sind, allerdings zeit-
weilig etwas ärmer an Kohlensäure ist, als jene höherer Re-
gionen, allein hier hilft die Bewegung der Luft sogleich wie-
der das gestörte Gleichgewicht in den Bestandtheilen derselben
in Ordnung zu bringen.
So sehen wir denn, wie selbst unter allen Verhältnissen
für das Gedeihen der Pflanze gesorgt ist, wie sie fast überall
das, was sie bedarf, findet, und ihre Existenz daher nicht im
Mindesten Zufälligkeiten anheimgestellt ist.
Obwohl wir noch Laien sind, und uns kaum die allerein-
fachsten Prozesse, die bei der Entstehung der Pflanzensub-
stanz stattfinden, zu erklären vermögen, so sehen wir doch,
wie nichts ohne Gesetze vor sich geht, und die Bildung auch
nur Eines Atomes Zucker oder Zellsubstanz von Tausend ein-
leitenden Prozessen vorbereitet wird und eben so viele weitere
Vorgänge der Lebensthätigkeit der Pflanze zur Folge hat.
Wie aus den aufgenommenen kohlensauren Salzen nach und
nach oxalsaure, andere pflanzensaure, pektinigsaure Salze,
endlich nach anderweitiger Bindung der Basen, Zucker und
die verwandten Kohlehydrate daraus gebildet werden können,
lässt sich bis jetzt zur Noth noch erklären; aber schon anders
ist es mit: den stickstoffhaltigen PfAlanzenbasen und mit den
61
Proteinkörpern selbst, für deren Entstehung wir noch zur
Stunde nicht die geringsten Anhaltspunkte besitzen.
Das Licht aber, welches ein deutscher Physiolog, M. J.
Schleiden, in diese bisher so dunkle, von falschen Vor-
aussetzungen wimmelnde Partie der Botanik gebracht hat, die
glänzenden Erfolge, die er der Wissenschaft durch die Schärfe
seines Verstandes gesichert hat, lässt erwarten, dass die Fin-
sterniss von nun an verscheucht ist. Werden es sich die
kommenden Pflanzenphysiologen zur Aufgabe machen, Retorte
und Phiole selbst in die Hand zu nehmen, und es nicht dem
Chemiker überlassen, was er ihnen, nach andern Zwecken
trachtend, nebenbei mitgibt, so lässt sich auch für dieses bis-
her so sehr in Schatten gestellte Studium eine reichere Ausbeute
erwarten, die hinwieder nicht lange brach liegen wird, um
das wichtigste Gewerbe, den Ackerbau, zu einer rationellen
Kunst zu erheben. — Doch in welche Zukunft führen mich
meine schönen Träume!
ACHTER BRIEF.
GESTALTUNG DER PFLANZE. GRUNDORGANE
Mit der Bildung organischer Substanzen aus anorgani-
schen Verbindungen der einfachen Stoffe ist für die Pflanze
wohl das Gummi, der Zucker, der Zellstoff, das Protein
u. s. w. gegeben, allein es fehlt noch sehr viel, dass diesel-
ben auch in der Form erscheinen, wie wir sie in der Pflanze
als Theile der Zellen wahrnehmen. Die Kraft, die ihnen die
bestimmte Form ertheilt, ist jedenfalls von der chemischen
Affinitätskraft verschieden und ohne sie näher zu kennen, hat
man sie mit dem Namen Bildungstrieb bezeichnet. Dieser
ist es nun, welcher die Proteinstoffe zu kugelförmigen Massen
zusammenballt, dieser ist es, welcher über sie eine Schichte
von Cellulose abscheidet und so den ersten Entwurf der Ge-
staltung der Zelle zu Stande bringt. Auch ist es keine an-
dere Kraft, als der Bildungstrieb, welcher dies Geschäft un-
endliche Male wiederholt und eben dadurch nicht blos die
Ausbildung von Zellenkomplexen bedingt, sondern auch für
die Vervielfältigung derselben Sorge trägt. Mit einem Worte,
der Bildungstrieb, jene zwar in ihren Wirkungen keineswegs,
aber in ihrem Wesen bisher bekannte Kraft, der eigentliche
63
Werkmeister der Pflanze ist es, welcher ihr das Dasein gibt,
sie erhält und vervielfältiget, und von dem in letzter Instanz
ohne Zweifel auch die Verschiedenheit der Form abhängt, in
die sich die Idee der Pflanze gekleidet hat und noch fortan
kleidet.
Wenn wir auch in der Natur manche Vorgänge erblicken,
die der Bildung der Elementartheile der Pflanzen ähnlich sind,
wie z. B. die Bildung der Krystalle, so ist die Entstehung
jener genauer betrachtet, doch himmelweit von dieser ver-
schieden und eben darum Zelle und Krystall, Pflanze und
Mineral durchaus nicht mit einander zu vergleichen,
Doch gehen wir über die Entstehung der Zellen hinaus,
so eröffnet doch die Art und Weise ihrer Vereinigung noch
so viele Fragen, dass wir gerne länger in diesem zugäng-
licheren Gebiete der Forschung verweilen wollen, als in jenen
Tiefen, die wir selbst mit der glücklichsten Abstraktion noch
kaum zu ergründen im Stande sind.
Durchmustern wir die Pflanzen, aus welchen Regionen
der Erde, aus welchen Perioden der Schöpfung sie immer
kommen mögen, so lässt sich in den so mannigfaltigen Form-
unterschieden doch nur eine einzige durchgreifende Grund-
verschiedenheit wahrnehmen. Alle Pflanzen ohne Aus-
nahme sind entweder nur Zelleinheiten, d.h. sie beste-
hen nur aus einer einzigen Zelle oder sie sind Komplexe
einer grösseren oder geringeren Anzahl von Zellen. Jene
sind einzellige, diese vielzellige Pflanzen. Bei der
Vielgestaltigkeit der Zelle lässt sich wohl voraussehen, dass
auch einzellige Pflanzen sich sehr mannigfaltig auszubilden
im Stande sind, doch wird diese Mannigfaltigkeit immerhin
64
gegen die Reichhaltigkeit zusammengesetzter Formen weit nach-
stehen müssen.
Da wir bereits aus dem Vorhergehenden wissen, dass die
Mehrzelligkeit der Pflanzen nur die Folge der Generations-
thätigkeit der ursprünglich Einen Zelle ist, so drängt sich
uns zunächst die Frage auf, ob den einzelligen Pflanzen die-
ses Vermögen fehl. Wir antworten darauf Ja und Nein.
Nein in so ferne, als auch die einzelligen Pflanzen sich fort-
zupflanzen vermögen, und Ja in so ferne, als zwischen der
Fortpflanzung dieser und jener ein bedeutender Unterschied
ist, so dass was jene so zu sagen auf den ersten Streich er-
reichen, bei diesen nur durch Reihen von Zeugungen mög-
lich ist.
Es ist ein tiefsinniger Gedanke, der durch die ganze be-
lebte Natur dringt, dass bei der Hinfälligkeit der Einzelwesen,
die schon mit ihrer Entstehung gegeben ist, dennoch ihr Bestand
in der Zeit dadurch gesichert ist, dass sie mit demselben Ent-
wicklungsvermögen ausgerüstete Keime von sich abzustossen
vermögen. Nicht blos die Erzeugüng solcher Keime, sondern
auch die Abstossung von dem Mutterkörper und ihre Indivi-
dualisirung bedingt jenen Vorgang, den man Fortpflanzung
zu nennen gewohnt ist. Nur durch die fortwährende Bildung
sich sondernder, ablösender und für sich bestehender Zellen
bleibt eine Pflanze einzellig; wo das nicht der Fall ist, wo
die erzeugten Zellen sich nicht von der Mutterzelle trennen,
wo sie sogar aufhören weiter produktiv zu werden (Dauer-
zellen), entsteht ein Zellenkomplex. Allein auch in solchen
Zellenkomplexen gelingt es, nach Reihen auf einander folgen-
der Zellen solche sich ablösende, sich sondernde Zellen, wahre
65
Fortpflanzungszellen hervorzubringen. Die ganze grosse, die
Erde umfassende, durch alle Zeiten dringende Pflanzengestal-
tung bewegt sich einzig und allein um die frühere oder spä-
tere Erreichung dieses Zieles, und die ganze Fluth der Ge-
stalten, die tausendfältigen Formen der Gewächse drücken in
der That nichts anderes als diese Oscillation zwischen unend-
lich weit von einander abstehenden Grenzen aus. Die Er-
ringung der Fortpflanzungszelle ist das einzige Bestreben der
Pflanze, und wo sie diese nicht rasch erreicht, ist sie genö-
thigt die mannigfaltigsten Wege einzuschlagen, die seltsamsten
Vorarbeiten ins Werk zu setzen, und so eben das hervorzu-
bringen, was wir Pflanze nennen, und das uns in seiner
Mannigfaltigkeit so wunderbar anspricht.
Es kann hier nicht die Absicht sein, den Bildungstrieb
der Pflanzen in allen seinen Phasen zu verfolgen, doch kön-
nen wir es nicht ausser Acht lassen, wenigstens das Wesent-
liche der Pflanzenformen mit Einem Blicke zu durchspähen.
Es ist sehr einflussreich für die Bedeutung der Grund-
form des Pflanzenbaues, wenn wir selbst in den einzelligen
Pflanzen hie und da eine solche Vertheilung gewisser Bil-
dungen wahrnehmen, wie sie bei den meisten Zellenkomplexen
erscheinen. Das runde Bläschen der Zelle dehnt sich vorerst
nach zwei einander entgegengesetzten Richtungen aus, und
wird zu einem der Erde zugekehrten und in die Luft sich
verlängernden Schlauch (?'). Die in der Erde vorhandenen
Nahrungsstoffe und ihre Gewinnung einerseits, so wie die
Hingebung an Luft und Licht für ihre Assimilation anderer-
seits, scheinen die vorzüglichsten Momente zu sein, die die Zelle
zum auf- und abwärtswachsenden Schlauch, zum Vorbilde
Botanische Briefe. 5
66
von Stamm und Wurzel, d. ı. zur Achse be-
stimmen. Indess bleibt es dabei nicht stehen.
Sowohl von der einen als von der anderen
Richtung geht noch ein zweiter Gegensatz aus,
gleichsam eine Wiederholung der Achse,
— im absteigenden Theile als grössere oder
kleinere Aussackungen, — im oberirdischen
Theile ebenfalls als Aussackungen, aber von
jenen verschieden.
Wer erkennt in dieser einfachsten Form,
in der die Pflanze so erscheint, nicht alle
wesentlichen Organe, die sich selbst
im Komplexe von Zellen immer wieder gel-
tend zu machen suchen. Eine Achse ist es, die sich vor
allen aus den einzelnen Zellenelementen aufzubauen sucht mit
dem Bestreben, sich nach den beiden entgegengesetzten En-
den zu verlängern, ein lebender Magnet, der an beiden Polen
anzieht und abstosst, und sowohl mit der Erde als mit der
Luft in einem steten Wechselspiele von Stoffen begriffen ist,
durch die er eben nur zu existiren im Stande ist, der nega-
tive Pol der Erde, der positive der Luft und dem Lichte zu-
gekehrt.
Fast nirgends in der Pflanzenwelt bleibt es jedoch bei
dieser einfachen Achse. Das Bestreben ihrer Vervielfältigung,
— ihrer Entäusserung tritt allenthalben hervor, und so gehen
ähnliche Zellenkomplexe aus der primitiven Anreihung als
Fig. 21. Eine einzellige Pflanze aus der Klasse der Algen, nämlich Bo-
trydium argillaceum "Wallr. — Aus einem runden Bläschen durch Ausdeh-
nung nach entgegengesetzten Richtungen entstanden, ist es ein Vorbild
der komplizirtesten Pflanzengestalt.
67
sekundäre Achsen hervor, auf der tiefsten Bildungsstufe
allerdings noch die Form der primären Achse deutlich wieder-
holend, bei weiterer Ausbildung im Pflanzenreiche, von der
Achsenform mehr oder minder abweichend. So entstehen auf
der einen Seite der Achse jene so mannigfaltig gestalteten
Anhangsorgane, die wir Blätter nennen, während nach der
andern Seite die ursprüngliche Achsen- oder Cylinderform in
den "Ausstrahlungen der Wurzel in wenigen Abänderungen
erhalten bleibt.
Auf diese Grundform der ausgebildeten Zelle, wie sie
in einigen Algen (Botrydium, Valonia, Caulerpa) u. s. w. er-
scheint, auf diese Grundform, die sich in den einfachsten
Zellenkomplexen zu erkennen gibt, lassen sich alle noch so
mannigfaltigen Formen des Gewächsreiches zurückführen, und
wenn es auch zuweilen den Anschein hat, als walte nicht das
Lineare in der Anordnung der Elementartheile vor, so ist es
doch überall versteckt, theils durch das relative Uebergewicht
anderer Bildungsrichtungen, theils durch später aufgedrungene
mit jenem nicht in ursächlichem Verbande stehender Massen-
entwicklung, so dass wir selbst in den ungestaltetsten und in
den ausgesprochensten Flächenformen dennoch das ursprüng-
lich Lineare nachzuweisen im Stande sind.
Wir können daher mit gutem Fug und Recht sagen, die
Pflanze sei, entkleidet von allen Zufälliskeiten, der Wesenheit
ihrer Form nach nichts anderes als ein System von Ach-
sen. Sehr deutlich und in die Augen springend wird dies
bei allen nur etwas ausgebildeteren Pflanzen, und von den
Mosen bis zu den vollendetsten Pflanzen tritt das Achsige
der Pflanzengestalt der Art hervor, dass man dieselben schon
5*
68
längst als Achsenpflanzen bezeichnete und damit den Unter-
schied von allen übrigen meist einfacher gebildeten Pflanzen
auszudrücken suchte, die man nicht ganz glücklich mit dem
Ausdrucke Laubpflanzen (Thallophyta) belegte.
NEUNTER BRIEF.
DIE PFLANZE ALS BEBLATTERTE ACHSE.
Würde sich die Gestaltung der Pflanze auf die Hervor-
bringung einer einzigen Achse beschränken, an der sie früher
oder später, nach wenigen oder zahlreichen Generationen der
Elementartheile endlich zur Ausbildung der Fortpflanzungs-
zellen gelangte, so würde ohne Zweifel die grösste Einförmig-
keit in der Pflanzenwelt herrschen.
Mit der Entäusserung dieser Verschlossenheit, mit dem
Hervortreten aus sich selbst ist aber die Produktion neuer
Achsen nothwendig gegeben und damit die Möglichkeit der
grössten Mannigfaltigkeit. Mit der Erscheinung der sekun-
dären Achsen sind die Thore geöffnet, die der entfesselte Bil-
dungstrieb nach allen Richtungen und in allen Potenzen ver-
folgt. Was uns in der Pflanzenwelt als Gestaltungsverschie-
denheit erscheint, die so angenehm auf unsere Sinne als rei-
zend für die Einbildungskraft wirkt, es ist in nichts Anderem
als zuletzt in der Bildung dieser sekundären Achsen gelegen.
Es hat allerdings lange Zeit gebraucht, bis der beobach-
tende Verstand, die tiefergehende Urtheilskraft und das einende
Kombinationsvermögen sich durch das Labyrinth der zahl-
losen Pflanzengestalten Bahn gebrochen, und das unendlich
Mannigfaltige der Gestaltung, das das Auffassungsvermögen
70
fast zu erdrücken suchte, in einige wenige leicht fassliche
Formen zu vereinigen vermochte. Jetzt, da dies Riesenwerk
geschehen, ist es uns ein Leichtes, selbst in den fremdartig-
sten und abenteuerlichsten Gestaltungen das ursprünglich Eine
Bildungsgesetz zu erkennen. Mit dieser Zauberformel durch-
wandern wir nicht blos die Wiesen und Wälder der Heimath,
sondern jeden Riesenwuchs so wie die Pygmäen-Kolonien des
Gewächsreiches in welchen Ländern, in welchen Höhen oder
Tiefen sie immer auftreten mögen, ohne besorgen zu müssen,
auf irgend etwas Unfassliches stossen zu können. Spielen
nun wirklich die Anhangstheile der Achse eine so wichtige
Rolle, so ist es sicher der Mühe werth, ihren Einfluss auf
die Gestaltung etwas näher zu beleuchten. Wir bewerkstelli-
gen dies aber, indem wir nicht blos die Veränderlichkeit ihrer
Gestalt und Beschaffenheit im Allgemeinen, sondern eben so
auch die Succession ihrer Erscheinungen in eine nähere Unter-
suchung ziehen. Beides wollen wir abgesondert thun.
Was zuerst die Gestaltung der sekundären Achsen be-
trifft, die in den einfachen Zellenkomplexen sich weniger von
der Form der primären Achsen unterscheiden, so ist das bei
höheren Pflanzen ganz anders; der Formenreichthum, der
hier erscheint, hat fast gar keine Grenzen, die Abänderungen,
welche das Blattorgan von der ursprünglich cylindrischen
Form erleidet, ist hier in das Mannigfaltigste ausgewirkt. Bei
allen dem ist es jedoch die Flächenform, welche nach und
nach so die Oberhand gewinnt, dass man sich jedes Blatt
fast nur unter dieser Form vorstellt. Die einfache conisch-
eylindrische Pflanzenachse wird in der Regel dadurch eine
beblätterte Achse. Dieser Ausdruck für die etwas vol-
7
lendetere Pflanzengestalt kann füglich als der allgemeinste,
als der umfassendste betrachtet werden. Alles was daher an
der Achse erscheint, ist nur Blatt. Im Blatte erschöpft sich
die ganze Gestaltung, im Blatte ist aber eben desshalb auch
der grösste Formenreichthum der Pflanzenwelt enthalten. Ueber
die Blattbildung an der Achse gibt es nichts mehr, und was
die Pflanze in dieser nicht erreicht, ist jedenfalls für sie un-
erreichbar. So grosse Mannigfaltigkeit wir daher auch an
der Achse wahrnehmen, es ist nicht sie, sondern nur das Blatt,
die es hervorbringt.
Wollen Sie, meine Leser, um sich in diesem Irrgarten
der Blattschöpfungen, wie Ihnen das Blattwerk erscheinen
mag, zurecht zu finden, an meiner Hand vorerst einen Um-
weg machen, um das Ganze einmal von Aussen zu übersehen,
und erst dann in denselben eintreten.
Ein glücklicher Gedanke unseres grossen Dichterfürsten
war es, der, um sich in der so mannigfaltigen Pflanzenge-
staltung zu orientiren, ebenfalls nicht in die endlosen ver-
schlungenen Irrgänge trat, sondern dieselben sich einmal von
Aussen besah. . Dadurch erschien ihm alles ganz anders, —
das Wesentlich seheinende wurde zufällig, das Zufällige we-
'sentlich, kurz er erblickte den Wald, während man ihn der
Bäume wegen früher nicht sehen konnte.
In allen höheren Pflanzen wurden Kraut, Blüthe und
Frucht als wesentlich verschiedene Theile betrachtet. Goethe
sah zuerst in der Blüthe und in der Frucht das Kraut wie-
derkehren, so, dass es also nach dieser Anschauungsweise
eine wesentliche Verschiedenheit in diesen drei Hauptstücken des
Pflanzenleibes nicht gibt.
Fig. 22.
(Ideale Pflanze).
72
Fassen wir die Sache etwas
geläuterter auf, so ist es aller-
dings das Blatt, was in seiner
proteusartigen Verwandlungsfä-
higkeit, in dem Vermögen sich
nach und nach anders zu gestal-
ten, erst die unteren dann die obe-
ren Theile der Achse einnimmt,
endlich an der Spitze zur Blüthen-
und Fruchtbildungzusammentritt.
Die Theile der Blüthe sowohl, als
jene der Frucht sind fürwahrnichts
anders als Wirteln von Blättern
— von Blättern, die sowohl in
. ihrer Beschaffenheit als in ihrer
Stellung und Vereinigung sich
zwar von den übrigen Blättern
unterscheiden, jedoch nicht in an-
derer Weise, als etwa in einer
gradweisen Verschiedenheit, so
dass durch alle Blattformen hin-
durch ein stetiger Fortschritt zu
bemerken ist. Diese Anschauungs-
weise der Pflanze musste für die
Erkenntniss der Gestaltung von
wesentlichem Einflusse sein. Nicht
das Mannigfaltige ist es, was hier-
bei in den Vordergrund tritt, son-
dern das Einheitliche im Mannig-
faltigen (*?).
73
Um dieses recht einzusehen, lassen Sie uns bis auf die
Entstehung der Blätter zurückgehen.
Alle Anlagen von Blättern gehen bald nach der Bildung
der Achsenspitze vor sich und folgen ihr fortwährend, so zu
sagen, auf dem Fusse nach. Hier treten sie, so wie sich die-
selbe verlängert, nach einander seitlich hervor, verlängern sich
wie der Stamm an der Spitze, bis sie ihrer Anlage nach fer-
tig gebildet sind, und dehnen sich erst hernach in umgekehr-
ter Richtung von dem freien Ende gegen den Grund hin aus.
Blätter und Achse unterscheiden sich hiernach wesentlich
schlechterdings nicht von einander als etwa dadurch, dass
bei jenen das Wachsthum begrenzt, bei diesen hingegen un-
begrenzt ist. Die ganze Mannigfaltigkeit der Blattformen
hängt von der Energie und von den verschiedenen Richtungen
ab, wodurch die Zellenmassen erzeugt und vertheilt werden.
So lange die Blätter ganz jung sind, sind sie ohne alle
Ausnahme einander gleich; ihre Verschiedenheit bildet sich
erst in Folge des Wachsthumes und der Zunahme ihrer Masse.
Die jungen Blätter der Blüthe und der Frucht sehen ganz so
aus wie die Blätter des Stammes; wir sind daher berechtigt,
zwischen den Blättern des Stammes und jenen der Blüthe
und der Frucht, und somit auch zwischen diesen Regionen
der Achse keinen wesentlichen Unterschied zu setzen. Indess
ist nicht zu leugnen, dass bei ihrer vollständigen Ausbildung
sich graduelle Unterschiede zu erkennen geben.
Diese Unterschiede treten oft mehr, oft minder deutlich
schon von Blatt zu Blatt ein, auffallender aber erst nach
grösseren Absätzen und nach umfassenderen Umschwüngen.
In dieser Beziehung gleicht die Pflanze einem aus kleineren
LE:
und grösseren Abtheilungen über einander gestellten Baue,
der bei gleichbleibendem Charakter zwar eine stetige Ver-
schönerung und Veredlung der höheren Stockwerke erkennen
lässt, nichts desto weniger aber sowohl in der äusseren Form
als in der inneren Einrichtung solche Eigenthümlichkeiten
zeigt, die auf eine verschiedene Benützung und auf ein schär-
feres Geschiedensein der Theile hinwiesen. Gewisse Blattbil-
dungen zeigen auch im Pflanzenbau schon äusserlich die die
aufeinander folgenden Stockwerke trennenden Gurtgesimse und
andere Vorsprünge des Mauerwerks, und eben so offenbart
sich im Innern in der Form und im Inhalte der Zellenele-
mente ein nicht verkennbarer Unterschied solcher mit der
Aussenseite korrespondirender Abtheilungen. Ja man darf sa-
gen, erst mit den Blattbildungen und ihrer gegenseitigen Auf-
einanderfolge tritt die Aehnlichkeit der Pflanze mit einem
Bauwerke deutlich hervor, während die zwischen den Blatt-
bildungen fallenden Achsentheile (Interfoliartheile) in ihrer
Einfachheit kaum einen in so schöner und geschlossener Folge
ausgeführten Aufbau möglich machten.
ZEHNTER BRIEF.
BLATTFORMATIONEN.
Nach dem Vorausgehenden ist es nun das erste, diese
Stockwerke des Pflanzenbaues nachzuweisen, ihre Eigenthün-
lichkeiten zu bezeichnen und die architektonische Verbindung
unter einander gehörig zu berücksichtigen.
Soll die Lösung dieser Aufgabe möglich sein, so ist es
nothwendig, die ursprüngliche Einheit aller Blattorgane wie-
der aufzuheben und dieselben mehr in ihrem verschiedenen
Charakter aufzufassen, hiebei aber das offenbar zusammenge-
hörige Gleichartige unter einen Gesichtspunkt und unter einen
Ausdruck zu bringen. Indem wir auf diese Weise die Blatt-
bildungen am Stamme oder an der Achse durchgehen, stellen
sich uns sieben solcher grösserer, die Einzelheiten zusam-
menfassender Formationen dar.
Ich spreche hier nur von den vollendeteren Pflanzen und
lasse die weniger ausgebildeten bei Seite, wo sich die Blatt-
formationen sicher auf eine geringere Zahl erheben. Diese
Blattformationen sind: 1) die Formation der Niederblätter,
2) die Formation der Laubblätter, 3) die Formation der Hoch-
blätter, 4) die Formation der Kelchblätter, 5) die Formation
der Blumenblätter, 6) die Formation der Staubblätter, und
endlich 7) die Formation der Fruchtblätter.
76
Wie der Geognost einen Komplex von Schichten mancherlei
Natur als zu einer Formation gehörig bezeichnet, so ferne
sie organische Einschlüsse einerlei Charakters, welche Einen
grossen Umschwung im Leben des Planeten ausdrücken, ent-
halten, so betrachten wir hier unter derselben Bezeichnung
eine Reihe ähnlicher Blattformen als ein zusammengehöriges
Ganzes, indem wir hierin ebenfalls Einen grösseren Um-
schwung in der Bildungsrichtung der Pflanze — die Vollen-
dung eines Stockwerkes erkennen.
Es dürfte für meine Leser nicht ohne Interesse sein, wenn
sie mir von Formation zu Formation, oder von Stockwerk zu
Stockwerk folgen wollten, wobei ich mich anheischig mache,
Ihnen wie ein unterrichteter Führer Auskunft auf Ihre Fra-
gen zu geben, Sie auf Dieses oder Jenes aufmerksam zu ma-
chen, und Ihnen überhaupt bei Betrachtung dieses Gegen-
standes an die Hand zu gehen. Indess muss ich gestehen,
dass ich gerade in diesem Punkte selbst Lehrling bin, und
dass ich nur des Meisters Worte wiedergebe, eines Meisters,
dessen Namen Sie später erfahren sollen.
Zur Formation der Niederblätter, die das unterste Stock-
werk einnehmen, gehören alle Schuppen- und Scheidenblätter
(Fig. 23 Form. 1I.). Eine breite Basis, geringe Höhe und eine
meist streifige Berippung zeichnet sie ihrer Form nach, eine
häufig fleischige, knorpelige oder lederartige Konsistenz, so
wie eine fahle, gelbliche oder dunkle Farbe ihrer Beschaffen-
heit nach aus. Alle diese Eigenschaften geben zu erkennen,
dass diese Blätter der Luft und dem Lichte ganz oder theil-
weise entzogen sind und gleichsam auf der tiefsten Stufe, der
ursprünglichen Form am nächsten stehend, geblieben sind. Sie
bezeichnen so recht eigentlich das Souterrain des Pflan-
zenbaues, d. i. jenen Theil der Achse, der häufig, obgleich
nach aufwärts strebend, in der Erde verborgen liegt, und der
Pflanze gleich der Wurzel zur Befestigung dient. Diese Grund-
feste der Pflanze ist häufig mit der Wurzel verwechselt wor-
den, woran aber hauptsächlich nur die Lage und die auf-
fallendere Verschiedenheit von den oberen Stockwerken die
Schuld ist. Alle Rhizome, unterirdische Knospen, wie z. B.
die Zwiebeln, Knollen u. s. w., selbst noch einige oberirdische
ähnliche Stammtheile gehören hieher, nicht selten sind diese
auch noch überdies sehr verkürzt, so dass die Niederblätter
gedrängt und sich gegenseitig deckend erscheinen.
Die zweite Formation ist die der Laubblätter (Fig. 23
Form. U.). Hier sind wir eigentlich erst im Rez-de-chaussee,
oder im ersten Stockwerke, einem in seiner Ausdehnung meist
sehr umfangsreichen Baue, besonders durch die Mannigfaltig-
keit der Blattbildungen ausgezeichnet, die man eigentlich als
Blätter bezeichnet. Stärkere Längenentwicklung bei wenig
breiter Basis, Verbreiterung am oberen, Zusammenziehung am
unteren Ende, eine mehr membranöse Beschaffenheit und
grüne Farbe charakterisiren sie. Ueberdies erfolgt durch Thei-
lung nach der Länge und Breite hier noch ein solcher Ge-
staltreichthum, wie wir ihn fast nirgends wieder finden. Die
Theilung der Länge nach gibt Veranlassung zur Entstehung
von Mittelblatt und Seiten- oder Nebenblätter, die Theilung
nach der Quere zur Bildung der mannigfaltig eingeschnittenen
und zusammengesetzten Blattformen. Auch die Berippung
zeigt sich der äusseren Form entsprechend als sehr mannig-
faltig.
Dieses Blattwerk
VII. Fruchtblatt- beginnt gleichfalls
formation. 2 ni
mit sehr einfachen
VI. Staubblatt-
formation Formen (Cotyledo-
V. Blumenblatt- nen), die sich zu-
formation weilen kaum von den
IV. Kelchblatt- “ Fe
formation _ Niederblättern unter-
scheiden, erreicht
aber bald eine be-
III. Hochblatt- x
formation deutende Entwick-
lung, und geht all-
mählig in die nächst-
folgende Formation
über. Ein grosser
. Laubblattfor- .
II Laubblattfor- "Tyej] selbst vollkom-
mation
%
mener Pflanzen be-
ginnt seinen Bau mit
diesem Stockwerke;
esfehltihnen dasSou-
terrain, aber der Bau
I. Niederblattfor-
FREE wird dadurch keines-
wegs minder haltbar,
minder gefällig oder
Fig. 23. Ideale Darstel-
lung einer vollkomme-
nen Pflanze in ihren
wesentlichsten Theilen.
Die einzelnen Regio-
nen der beblätterten
Achse in sieben For-
mationen gesondert, die
obersten sogar künstlich
aus einander gezogen.
79
weniger imposant, ja man möchte fast sagen, dass es zur Gross-
artigkeit desselben gehöre, unmittelbar mit diesem Stockwerke
zu beginnen, und die Befestigung des Grundes der abstei-
genden Achse, d. i. der Wurzel, zu überlassen.
Es folgt hierauf die Formation der Hochblätter (Fig.
23 III), wie schon der Name besagt ein von den vorigen ge-
tragenes erhöhtes Stockwerk. Die Blätter dieser Formation
nähern sich in ihrer Form und Beschaffenheit einigermassen
wieder den Niederblättern, indem sowohl die Stiele und die Sprei-
tenbildung als die grüne Farbe mehr oder weniger verschwin-
den, aber sie unterscheiden sich von denselben durch die
schmale Basis und durch den zarteren Bau, der sich nicht
wenig der folgenden Formation nähert. Die Hüllblätter, Brac-
teen und Bracteolen, Spelzen und Spreublätter gehören hier-
her. Sie sind eben durch ihre Kleinheit, zuweilen sogar durch
ihre Unscheinbarkeit wenig auffallend, haben aber für den
Gesammtbau der Pflanze keinen geringen Einfluss, indem sie
den Aufbau des folgenden Stockwerkes vermitteln und so ge-
wisser Massen die Harmonie zwischen den unteren und obe-
ren Theilen des Pflanzenbaues herstellen.
Mit der Formation der Kelchblätter (Fig. 23 IV),
tritt der mächtigste Unterschied in den Blattformationen ein.
Das Blatt erscheint sowohl seiner Form als seiner Stel-
lung nach völlig verändert. Obgleich in seiner Substanz der
Regel nach den Laubblättern ähnlich, verkleinert es sich doch
bedeutend und macht vielleicht eben dadurch eine Annäherung
an gleichartige Blätter möglich, die nunmehr in kaum mess-
baren vertikalen Abständen auf einander folgen, und daher
ihr Zusammengehören deutlicher beurkunden, als dies in den
so
vorhergehenden Blattformationen der Fall ist. Mit den Kelch-
blättern beginnt der grösste Gegensatz in der Pflanzenachse,
nämlich der Blüthe und des Krautes, da die Frucht der Blüthe
meist untergeordnet erscheint, und auf die Facade des Baues
weniger Einfluss nimmt.
Die Kelchblätter sind massiger, derber und grüner als
die Hochblätter, haben wieder eine breitere Basis, keine oder
nur eine geringe Verbreiterung oder Spreite und keinen Stiel,
eben so wenig eine Theilung und zeigen dadurch auffallend
einen Rückschritt, eine Schwankung, wie dies auch innerhalb
der Glieder einer Formation vorkommt. —
Einen desto entschiedeneren Fortschritt offenbart die fol-
sende Formation der Blumenblätter (Fig. 23 V.).
Zartheit des Gewebes, Reinheit und Manmnigfaltigkeit der
Farben zeichnen sie vor allen aus. Die Blumenblätter, eben
so gedrängt wie die Kelchblätter an einanderstehend, bilden
das, was man Blumenkrone genannt hat, wahrhaftig das Preis-
würdigste, wo Zartheit und Schönheit herrschen sollen. Neh-
met der Blüthe die Blumenkrone und sie sinkt zum unbeachte-
ten Kraute herunter, gebt ihr Reichthum und Farbenschmelz
und der Liebesgott zieht in sein Gemach ein. |
Die Kunst der Gärtnerei besteht einzig und allein in der
Erweiterung und Ausschmückung dieses Liebestempels.
Die Blumenblätter sind in der Regel länger als die Kelch-
blätter, aber an der Basis schmäler, zeigen meist eine starke
Spreitung, aber keine entschiedene Stielbildung. Durch strah-
lige, gablige und fiederspaltige Theilung erlangen sie eine
grosse Formverschiedenheit, eben so durch Eindrücke, Aus-
wüchse, Verdoppelungen der Fläche u. dgl., wodurch die so-
sı
genannten Nebenkronen entstehen. Die beiden Blattformatio-
nen des Kelches und der Blumenkrone sind indess nicht im-
mer scharf von einander geschieden, sondern zeigen Ueber-
gänge, so dass Blumenkronen Kelchen, und umgekehrt Kelche
Blumenkronen ähnlich werden. Allein was viel häufiger ge-
schieht, ist die gänzliche oder doch bis auf ein Minimum er-
folgte Unterdrückung der einen oder der andern Formation
oder die Verschmelzung beider zu einer einzigen; dieser letz-
tere Fall tritt namentlich in einer grossen Abtheilung der Ge-
wächse als Regel auf, und die so zwischen Kelch und Blu-
menkrone schwankende Formation wird Decke (Perigonium)
genannt.
Auf die Blumenkrone folgt nun die Formation der Staub-
blätter (Fig. 23 VL), dem Anschein nach ein nicht ganz
passend gewählter Ausdruck, da das Blattartige hier gänzlich
verschwindet und nur noch der Bedeutung nach zu bestehen
fortfährt.
Die Staubblätter sind die kleinsten und sonderbarsten
Blätter der Blüthe mit entschiedener Stielbildung (Staubfaden)
und geringer Spreite, welche zu beutelartigen Anschwellungen
der Seitenhälften wird (Staubbeutel). Nur in wenigen Fällen
tritt das Blattartige mehr in den Vordergrund, aber dann
meist auf Kosten der Bildung der Staubbeutel. Die sogenann-
ten gefüllten Blumen, eine Missbildung der Staubblätter, die
ihnen das volle Aussehen der Blumenblätter ertheilt, sprechen
auffallend hiefür. Wer kennt nicht gefüllte Rosen, Nelken,
Ranunkeln u. s. w., deren Vermehrung der Blumenblätter
ausschliesslich nur von der Verwandlung der Staubblätter in
Blumenblätter abhängt.
Botanische Briefe. 6
82
Während die Blätter aller übrigen Formationen einen Be-
stand haben, und bei dem Aufbaue der Pflanze so wenig als
die vermittelnde Achse eine vorübergehende Erscheinung sind,
ist dies bei den Staubblättern umgekehrt als Regel zu betrach-
ten. Ihre Existenz ist sehr hinfällig und von der rascheren
oder minder schnellen Ausbildung der Staubbeutel abhängig.
Dies deutet aber darauf hin, dass in den Staubblättern und
namentlich in den Staubbeuteln mit ihrer Ausbildung auch
das Ziel der Pflanze wenigstens nach dieser Richtung hin er-
reicht sein müsse.
Endlich als oberstes Stockwerk der Pflanze erscheint noch
eine Blattformation, die der Fruchtblätter (Fig. 23 VII).
Auch hier ist das Blattartige weniger in die Augen fallend
und zwar meist darum, weil die einzelnen Blätter dieser For-
mation gedrängter als alle übrigen beisammen stehen, in der
Regel sogar unter sich verwachsen und eine Höhle bilden,
in welcher die Achse erschöpft durch die vielfältigen Aus-
strablungen ihr Ende erreicht.
Die Fruchtblätter sind wieder grösser, mächtiger und
grüner als die vorhergehenden Blätter der Blüthe, entspringen
aus schmaler Basis, erweitern sich aber sogleich, während der
obere Theil sich stielartig zum Griffel zusammenzieht. Diese
Blätter haben eine grössere Dauer als alle übrigen und ent-
wickeln sich noch wenn diese meist abgestorben sind. Sie
sind es, die mit ihrem Einschlusse anfänglich das bilden, was
man Fruchtknoten nennt, aus welchem sich in der Folge die
Frucht entwickelt.
Was über die Fruchtblätter hinaus noch an der Achse
erscheint, gehört nur den letzten Ausstrahlungen oder viel-
aD}
mehr der Auflösung der Achse selbst an; — es sind die Sa-
menknospen, an welchen weder bestimmte Achsen noch Blatt-
theile mehr nachgewiesen werden können und daher dem mor-
phologischen Individuum der Pflanze kaum mehr angehören.
Auf diese Weise hat mit dem Stockwerke der Frucht-
blätter die Achse und damit die Ausbildung der Pflanze ihr
Ende erreicht. Wie sie dabei auch ihr Ziel gefunden, soll eine
der nachfolgenden Betrachtungen näher auseinander setzen.
6*
EILFTER BRIEF.
ARCHITEKTONIK. PHYLLOTAXIS
Die Betrachtung des Pflanzenbaues im Ganzen nach den
grösseren in die Augen fallenden Abschnitten, nach den Stock-
werken, führt nothwendig auf eine Untersuchung der Einzel-
heiten und kleineren Abtheilungen, wodurch der gesammte
Aufbau zu Stande kommt, so wie der Massverhältnisse, die
hiebei nothwendig stattfinden müssen. Es gehört diese Be-
trachtung so eigentlich in das Gebiet der Architektur, dass
wir nicht umhin können, unsere Anschauungsweise den in
derselben geltenden Gesetzen anzupassen. Erst dadurch wird
es klar, wie auch in der Pflanzenwelt gleich der übrigen
Natur bestimmte Verhältnisse und ein unabänderliches Mass
herrscht, von dem alle Erscheinungen, namentlich die Bil-
dung und Gestaltung, abhängig sind. Baut die Pflanze, wie
wir früher erfahren haben, ihren Leib aus eigenen Mitteln,
nach selbstentworfenem Plane, so steht es wohl zu erwarten,
dass sie ihn ebenso nach den Gesetzen der Stabilität wie nach
jenen der Architektonik auszuführen im Stande ist.
Wenn unser Blick hierbei auch noch nicht in die ganze
Tiefe der dabei herrschenden Gesetzmässigkeit gedrungen ist,
so ist es uns doch nicht verborgen geblieben, wie Winkelmass
s5
und Senkblei auch bei der Konstruktion des Pflanzenbaues
ihre Anwendung fanden.
Lassen Sie mich die Auffassung dieser geometrischen Ver-
hältnisse mit den einfachsten Wahrnehmungen beginnen.
Zuerst fällt in die Augen, wir mögen was immer für
eine Pflanze als Gegenstand unserer Betrachtung wählen, dass
die hier herrschende Symmetrie in der Anordnung der einzel-
nen Theile von der Symmetrie der meisten Bauwerke dadurch
abweicht, dass sie nicht von einzelnen vorherrschenden Rich-
tungen abhängig gemacht, sondern nach allen Seiten in gleich-
mässiger Entwicklung durchgeführt wird. Dadurch unterschei-
det sich der Pflanzenbau sehr auffallend von dem Baue des
Thierkörpers, wenige Ausnahmen abgerechnet, in welchen
stets Gegensätze von rechts und links, vorn und hinten
u. s. w. hervortreten. Die Pflanze hat kein rechts und links,
kein vorn und hinten, und wenn dies ja zuweilen in der Zwei-
zeiligkeit der Anordnung ihrer Anhangstheile und selbst der
Achse erscheint, so ist dies immer nur sehr beschränkt und
von der herrschenden Anordnungsweise abgeleitet. Eine gleich-
mässige Anordnung der Theile nach allen Seiten nennen wir
konzentrisch und eine solche konzentrische Anord-
nung ist es, welche durchgängig im Baue der Pflanze, na-
mentlich ihrer Achse und in den Ausstrahlungen derselben,
den Blättern, ersichtlich ist. Wir können daher die Pflanze
in dieser Beziehung weder mit einem Palaste noch mit einem
andern kubischen, parallelepipedischen oder pyramidalen, son-
dern einzig und allein mit einem runden, nach allen Seiten
gleichen Bauwerke, mit einem Tempelgebäude oder Thurme
vergleichen. Die in grösseren Abständen aufeinander folgen-
56
den Stockwerke haben wir bereits kennen gelernt. Wir sind
nun daran, dieselben in ihren Einzelheiten, ihrer Detailaus-
führung noch näher zu betrachten.
Schon ein flüchtiger Blick zeigt uns, dass nicht blos ein
oder das andere Stockwerk, wie etwa der Kelch, die Blumen-
krone u. s. w., sich einer besonderen Regelmässigkeit in der
Anordnung der Blätter erfreut, sondern dass dies eben so zu-
weilen in der Region der Nieder-, Mittel- und Hochblätter
der Fall ist. Ein kleinerer Umfang und eine etwas gedräng-
tere Stellung derselben offenbaren nur zu häufig eine eben
solche Symmetrie, wie sie in der Blüthe in der Regel statt-
findet. Wir können demnach nicht umhin, auch den unteren
Regionen dieselbe Regelmässigkeit zuzuschreiben.
Als man die Pflanzengestalt noch als ein Ergebniss von
Zufälligkeiten aller Art, oder doch wenigstens als ein uner-
klärliches Zusammenwirken der verschiedenartigsten Bildungs-
richtungen ansah, war begreiflicher Weise nicht daran zu den-
ken, in den Elementen der Blätter, die den wirksamsten Aus-
druck der Gestaltungs- Verschiedenheit enthalten, und in ihrer
Aufeinanderfolge irgend ein bestimmtes Mass zu verkennen.
Der Scharfblick Karl Schimpers hat zuerst den
Zauber gelöst, das Fell von den Augen gezogen, das unsere
Betrachtung bisher befangen hatte, und die Anordnung der
Blätter am Stengel wie in der Blüthe stellte sich von selbst
als ein einfaches Gesetz dar, zu dessen Formulirung es wenig
mehr bedurfte.
Zuerst ergab sich die Wahrheit, dass die meisten Blatt-
formationen nicht aus einer Folge unordentlich von einander
abstehender Blätter gebildet seien, sondern, dass wenn auch
87
minder in den vertikalen, so doch immer und unabänderlich
in den horizontalen Abständen ein bestimmtes Mass herrsche,
dass ferner dieses Mass zwar nicht durchaus dasselbe, aber
doch erst nach einer bestimmten Reihe von Sätzen einer Ab-
änderung fähig sei, und endlich, was das Wichtigste und die
Einheit des Gesetzes Verbürgende ist, dass die Abänderungen
des Masses unter sich wieder in einem gewissen Verhältnisse
stehen. Mit unendlicher Mühe sind diese Gesetze durch Ab-
straktion aus einer ungeheuren Menge von Thatsachen, welche
die verschiedensten Pflanzenformen darboten, nachgewiesen
worden, und gegenwärtig zweifeln wir nicht mehr, dass in
der Anordnung selbst der kleinsten Blätter in den verschie-
densten Regionen oder Formationen dieselben Gesetze zum
Vorschein kommen. Lassen Sie uns diese Gesetze einer aus-
führlicheren Betrachtung unterziehen. —
Der deutlichste und augenfälligste Schritt, den die Pflanze
im Aufbau ihres thurmförmigen Mauerwerkes thut, ist un-
streitig das Hervorschieben eines Blattes. Das Blatt ist die
Stufe, auf die sie im Fortschritt zur Erreichung ihres Zieles
hintritt, und von dem aus sie sofort Stufe um Stufe hervor-
schiebend weiter eilt. Dass die Stufen einander nicht gleich
sind, sehen wir, dass aber nach mehreren unmittelbar auf
einander folgenden Stufen ein Ruhepunkt — ein Absatz er-
folgt, und sich auf solche Weise Stufenreihen über Stu-
fenreihen bilden, ist minder deutlich zu erkennen und be-
durfte viele Beobachtungen, um es als durchgreifendes Gesetz
zu erkennen. Wo Reihen von Stufen wie im Grashalm und
in vielen andern Stengeln durch Knoten von einander getrennt
sind, springt es in die Augen; allein so verhält es sich nicht
ss
immer und diese Absätze sind oft sehr versteckt und fast wie
kontinuirliche Stufenfolgen. Höchst merkwürdig aber dabei
ist, dass diese Absätze zuweilen schon nach Einer, öfters
Fig. 24 a.
nach 2, 3, 5, 8, 13, 21, zuweilen sogar erst nach 34, 55, 89,
144, 233 und 377 Stufen erfolgen. Die Stufen, je zahlreicher
in einem Absatze, sind gewöhnlich auch um so niederer, aber
Fig. 24 a. Eine Pflanze von Echinopsis multiplex Zucc. in natürlicher Grösse
von der Seite gesehen. Die Stacheln sind von den Knospenpolstern ent-
fernt, um diese so wie die Rippen, an deren Kanten sie stehen, besser
zu sehen. Die Stellung der Knospenpolster, oder was dasselbe ist, die
hier unterdrückten Blätter ist nach ®%,, Ordnung, d. i. die in aufsteigen-
der Richtung auf einander folgenden Knospenpolster sind so geordnet,
dass der 14. genau über den 1., der 15. über den 2., der 16. über den
3. u.8.f. zu stehen kommt. Verbindet man in der beigefügten horizontalen
Projection Fig. 24 b die äussersten Zahlen 1. 2, 3, 4 u.s. f. durch eine Linie,
zugleich um so breiter, so dass man nur bei einer und zwei
Stufen den Absatz mit Einem Umgang um die Achse erreicht,
in allen übrigen Fällen 2, 3, 5, 8, 13 u. s. w. Umgänge da-
zu bedarf, was da-
her für die Breite
der Stufen ein ganz
bestimmtes archi-
tektonisches Mass
gibt, das wir am
einfachsten durch
"> Va; er Yes
5 8/ 13
/3» Tı3> oj U.
s. w. ausdrücken
können. DieKupst-
sprache hat diese
Absätze mit dem
Ausdrucke Blatt-
kreise od. Blatt-
cykeln bezeich-
Fig. 24 b
I
8 NA
DE
net, und es durch horizontale Projektionen
macht, dass der Fortschritt von Blatt zu Blatt in jeder Pflanze
und in jedem Pflanzentheile ohne Ausnahme in einer Spirallinie
erfolge (?*). Haben die Blätter zahlreiche Blatteykeln, überdies
geringe vertikale Abstände, so ergeben sich zwar für den äusse-
ZI
7%
2
ZI22 N
N 31
%
sehr anschaulich ge-
so erhält man dadurch eine Spirallinie, welche man die Grundspirale
nennt. Sie ist jedoch nicht jene Linie, welche bei Betrachtuug dieser
Pflanze leicht auffällt.
Ungleich mehr in die Augen fallend sind viel-
mehr die Linien, welche einerseits die Zahlen 4. 9. 1. 6. 11. 3. 8. 13.
5. 10.2 u. s. f., oder anderseits die Zahlen 6. 1. 9. 4. 12.7.2. u. f.
verbinden, und abgeleitete Spiralen genannt werden. Erstere ist
die minder steil ansteigende, letztere die steilere der beiden.
’”
ren Anschein spiralige Anreihungen, allein diese sind es nicht,
von welchen hier die Rede ist, indem jene Spirallinie viel ver-
steckter erscheint. Während man diese als die einzig rich-
tige Stufenfolge in der Blattstellung mit dem Namen Grund-
spirale bezeichnet, können die anderen füglich abgeleitete
oder sekundäre Spiralen genannt werden.
Schreitet nun der Aufbau nach dieser oder jener Stufen-
folge, die sich am einfachsten mit obigen Reihen von Brüchen
ausdrücken lässt, vorwärts, so bleibt es keineswegs immer
dabei stehen. In jeder Blattformation aus einem oder meh-
reren dergleichen Absätzen oder Blattzykeln bestehend, kann
ein Umschlagen von einem Mass in ein anderes erfolgen.
Mehrere nach °/, Stellung auf einander folgende Blattzykeln
können in %,, und '%,, Stellung, aber auch in minder kom-
plizirte, namentlich in %, und °, Stellung übergehen. Ohne
Zweifel hängt diese Umsetzung nicht blos von der spezifischen
Eigenthümlichkeit des Bildungstriebes, sondern häufig von der
Energie desselben ab, dem auch die grösseren oder kleineren
vertikalen Abstände und die dadurch entstehenden Interfoliar-
theile des Stengels, mit ihrer zwar im Allgemeinen aber nicht
im Speziellen bestimmten Mensur zugeschrieben werden müssen.
Welcher Reichthum in der Architektonik des Pflanzen-
baues herrscht, geht sowohl durch jene Gesetze als durch diese
mehr zufälligen Modalitäten hervor! und darf es uns wundern,
wenn wir selbst bei ähnlichen und gleichen Blattformen die
grösste Mannigfaltigskeit in der Aeusserlichkeit, im Habitus
der Pflanze wahrnehmen. Wahrhaftig, hierin gleicht die Pflanze
einem Proteus, der sich aus einer Gestalt in die andere um-
91
wandelt, ohne dass man es gewahr wird, wie er seine Zauber-
jacke an- und auszieht.
Ist die Verwandlung von Absatz zu Absatz eine mehr
versteckte, so tritt sie beim Uebergang einer Blattformation
in die andere um so deutlicher hervor, und bewirkt eben da-
durch einen schärferen Abschnitt, als er sonst durch die Form
und Beschaffenheit der Blattelemente hervorgebracht werden
konnte. Mit Einem Worte, die Stockwerke der Pflanze schei-
‘den sich dadurch auch äusserlich, und so ändert sich denn
über jedem Gesimse die Architektonik, ohne eben eine Aen-
derung des Styles zu bewirken. Weniger auffallend ist dies
in den unteren Stockwerken, bei weitem in die Augen sprin-
gender in den oberen zu verfolgen. Auf einfache Blattstel-
lungsverhältnisse in den Niederblättern und Laubblättern tritt
oft in den Hochblättern die zusammengesetzteste Ordnung
ein, wie das z. B. bei den Kompositen, Dipsaceen, Protea-
ceen, Piperaceen, Aroideen u. s. w. der Fall ist.
Den grössten Abschnitt bildet jedoch immerhin der Ueber-
gang des krautartigen Theiles in die Blüthe; die komplicirtesten
Verhältnisse lösen sich hier in die einfachsten Grundrisse auf,
und so zeichnet sich sowohl die Kelch-, Blumenkrone -, Staub-
blätter- so wie die Fruchtblätter-Formation durch die Ein-
fachheit der Ordnung aus, in der ihre Elemente an einander
gereiht sind (?°). Nur tritt hier noch eine Eigenthümlichkeit
hinzu, die wir in den unteren Blattformationen selten gewahr
werden, — ich meine die sogenannte Wirtelstellung. Aller-
dings kommen in der eigentlichen Blattregion ebenfalls Wir-
telstellungen und zwar Wirtel zu 2, zu 3, zu 4 und 5 und
mehr Blätter vor. Die einfache Gegenstellung der Blätter,
92
die Gegenstellung und Kreuzung
zugleich bringen 2- und 4-blätte-
rige Wirtel hervor; bei allen kann
dies aber nur durch die auf das
Minimum reduzirten vertikalen Ab-
stände hervorgebracht werden, wo-
durch statt einer Aufwärtsbewegung
eine spiralige Bewegung in dersel-
ben Ebene zu Stande kommt.
Diese Niederdrückung der Spi-
rale in der Blattfolge ist von der
Formation der Kelchblätter an, als
Regel anzusehen, daher erscheinen
alle auf einander folgenden Blatt-.
formationen wie eng an einander
schliessende Blattkreise, und das Ganze erhält dadurch einen
ganz eigenthümlichen Ausdruck. Kommt nun noch hinzu,
dass die Zahl der einzelnen Blatteykeln eine sehr geringe ist,
und über 2 und 3 selten hinausgeht, so erhalten die oberen
Stockwerke der Pflanze dadurch ein von den unteren ganz
verschiedenes Aussehen. Nur das durch alles hindurchgrei-
fende Gesetz der Blattfolge verbindet den oberen Theil mit
dem unteren und lässt in ihm nur eine weitere Ausführung,
eine Veredlung des Unterbaues wahrnehmen.
Aber auf einen Umstand muss ich meine Leser noch auf-
Fig. 25 a. Längenschnitt durch die Blüthe von Steinbrech (Saxifraga) mit
beigefügtem Grundriss Fig. 25 b.
f Oberstes Laubblatt; c die fünf Kelchhlätter; p die Blumenblätter ;
st die 2X 5 Staubblätter, alle nach %, Ordnung; endlich die zwei
Fruchtblätter cph (Carpophylla) nach Y, Ordnung an einander gereiht.
95
merksam machen, wodurch die Architektonik der Blüthe eben
einen so besonderen Reiz erhält, der keineswegs von der Man-
nigfaltigkeit der Form der Blattorgane als vielmehr von ihrer
Anordnung herrührt. In den unteren Theilen der Pflanzen-
achse folgen die einzelnen Blatteykeln ohne Unterbrechung
oft in grosser Anzahl auf einander. Mit jedem Umschwung
der Spirale beginnt die nächste genau über dem Anfang der
ersten und so fort. Dies muss natürlich zur Folge haben,
dass die homologen Glieder jedes einzelnen Cyklus genau
über einander zu stehen kommen. Es müssen daraus noth-
wendig so viel senkrechte Reihen erscheinen, als eben Ele-
mente in einem Cyklus vorhanden sind, also 2, 3, 5, 8, 13
u. s. w. Diese Reihen erscheinen allerdings in manchen Fäl-
len deutlicher als in anderen, ganz besonders schön im Stamme
der Echinocacten, wo die senkrechten Rippen des Stammes
eben aus der Verschmelzung der übereinanderstehenden Blatt-
kissen hervorgehen (Fig. 24 a.).
Anders ist es in der Blüthe. Selbst wenn nur zwei
gleichgliederige Blatteykeln auf einander folgen, eben so in
dem Falle, als ungleichgliedrige Cykeln sich begegnen, findet
keineswegs ein ununterbrochener Fortschritt statt. Nur auf
diese Weise findet bei dem Ineinandergedrängtsein der Cy-
keln keine Deckung der Blattelemente statt. Das Mass des
Fortschrittes des nächsten Blatteyklus ist gerade so vermehrt,
dass die Elemente des folgenden zwischen die Elemente des
vorhergehenden hineinfallen, ein Umstand, der die Alternation
zur Folge hat, und wie leicht begreiflich, auf den gefälligen
Eindruck, den die Blüthe stets verursacht, sicher nicht ohne
Einfluss ist. So erscheint denn eben in der Blüthe bei der
y4
Fig. 26. grössten Einfachheit derEle-
N N . ..
Ä mente die schönste Harmo-
? ge ‚|| nie in der Anordnung, wo-
durch die Architektonik der-
selben zu einer wahrhaft mu-
\
GT
sterhaften wird, und wie die
Geschichte der Baukunst
lehrt, von jeher massgebend
auf alle menschlichen Werke
Einfluss genommen hat (?®
und ?”).
Von dieser durchgrei-
fenden Regelmässigkeit in
der Anordnung der Blätter,
Fig. 26. Nicht immer tritt diese Einfachheit gleich massgebend hervor. In
einigen Fällen sind selbst in der Blüthe komplieirtere Stellungsverhält-
nisse vorhanden, namentlich bei solchen, die aus einer grossen Anzahl
von Blattelementen zusammengesetzt sind. Ein Beispiel geben die Cac-
teen, die Seerosen, die karolinische Kelchblume (Calycanthus floridus)
u. a. m. Indess sind diese letzteren ganz vorzüglich geeignet, um aus
ihnen die Einheit des Baues der Blüthe und des Stammes zu erkennen.
Fig. 26 stellt einen Blüthenast von Calycanthus floridus dar. Der vergrös-
serte senkrechte Durchschnitt, Fig. 27 a, mit Beifügung des Grundrisses,
Fig. 27 b setzt uns in die Lage, Einsicht in den etwas komplieirten Blü-
thenbau zu nehmen. f bedeutet den Ursprung der abgeschnittenen Laub-
blätter (fola), — p die gefärbten Blätter der Blüthenhülle (perianthium),
— st die Staublätter (stamina), — stab die fehlschlagenden Staubor-
gane (stamina abortiva). Ueberdies bedeutet m noch den Markkörper des
Blüthenastes und g die auf seiner oberen Ausbreitung sitzenden Samen-
knospen (gemulae). — Zur genaueren Einsicht in die Stellungsverhältnisse
dient das beifolgende Diagramm Fig. 27 b, in welchem nach den beiden
einander gegenüber stehenden Blättern (f.f a Div.), von 1 bis 28 die
anfänglich kleineren, dann grösser werdenden, endlich wieder kleineren
Blätter der Blüthenhülle (p), darauf von 29 bis 41 die Staubblätter (st),
und endlich von 42 bis 55 die fehlschlagenden Stauborgane in der ver-
zeichneten Ordnung auf einander folgen. — Während in den ersten 6 Blät-
tern noch ein Schwanken nach niederen Blattordnungen bemerklich ist,
stehen alle übrigen an ihren bestimmten Plätzen. Fast in jeder Blüthe
finden diese Schwankungen in anderer Weise statt.
die man mit gutem Fug
als Blattordnung
(Phyllotawis) bezeichnete,
finden sich indess man-
cherlei Abweichungen, die
jedoch keineswegs das ge-
fundene Gesetz aufheben,
sondern es vielmehr nur
in seiner eisernen Strenge
mildern, wodurch die
Pflanze eben im Aus-
drucke der Freiheit so un-
Dahin
gehört z. B. die einsei-
endlich gewinnt.
tige Verschiebung der
Blätter bei
Verdickung der Stengel-
ungleicher
seiten, das ungleiche An-
wachsen des Blattgrun-
des und eine Drehung
der Achse selbst, Um-
stände, die von unglei-
cher Ernährung, unglei-
chen Einflüssen äusserer
Agentien u. s. w. ab-
hängen.
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ZW(EELFTER BRIEF.
FORTPFLANZUNG.
Wenn man die Geschichte der Botanik durchblättert,
so ersieht man nicht undeutlich, dass über keinen Gegenstand,
der in das Gebiet dieser Wissenschaft fällt, bisher so ver-
schiedene Ansichten geltend gemacht wurden, als über die
Fortpflanzung. Das Verborgene dieses Prozesses einerseits,
so wie der Einfluss, den er auf die ganze Bildung und Ge-
staltung nimmt, andererseits, haben denselben von jeher als
den geheimnissvollsten und zugleich als den bestimmendsten
unter allen Vorgängen des vegetabilischen Lebens betrachten
lassen, und erklären es, wie er als Ausgangspunkt aller
botanischen Kenntniss so vielfältig zur Sprache kommen konnte,
und wie leicht dabei ein Irren möglich war.
Auch jetzt darf sich die Wissenschaft noch nicht schmei-
cheln, den Schleier vor diesem Heilisthume des Pflanzenlebens
vollkommen gelüftet zu haben, jedoch gelang es ihr wenig-
stens die Hauptmomente der äusseren Erscheinung zu über-
blicken, die verschiedenen Phasen, in denen dieser Prozess
durch das ganze Gewächsreich hindurch auftritt, zu unter-
scheiden, und das Wesentliche von dem mehr Zufälligen daran
zu sondern.
Schon bei der Betrachtung des Wachsthumes der Pflanze
sind wir auf das Feld der Fortpflanzung gerathen. Wir er-
kannten alle Massenzunahme als das Resultat von Generatio-
nen, die von Zelle zu Zelle stattfinden; der Unterschied aber,
. der zwischen jener massenvermehrenden Fortpflanzung und
der Fortpflanzung im engeren Sinne, die in der
Bildung und Sonderung von Keimen zu neuem
individuellen Leben besteht, blieb uns verborgen.
Wir wollen nun versuchen, sowohl die Unterschiede der
beiden genannten Vorgänge aufzufinden, als die verschiedenen
Formen, in der die eigentliche Fortpflanzung im Gewächs-
reiche erscheint, ins Licht zu setzen. Wie überall, so werden
wir auch hier am besten thun, unsere Betrachtung an den
einfacheren Formen anzuknüpfen.
Es wird meinen Lesern noch erinnerlich sein, dass wir
mehrmals davon sprachen, es gebe Pflanzen, die nur aus einer
einzigen Zelle bestehen. Natürlich ist auch ihre Fortpflan-
zung eben so einfach wie ihr Leben. Eine oder mehrere in
ihr erzeugte Zellen trennen sich von der Mutterzelle, und
diese hat sich dadurch fortgepflanzt. Ist die Mutterzelle rund
und nach allen Seiten hin so ziemlich gleich gebildet, so trägt
jeder Theil des Individuums gleichen Antheil an der Fort-
pflanzung, die Tochterzellen sind schon bei ihrer Trennung
der Mutterzelle vollkommen gleich.
Hat die Mutterzelle aber eine gewisse Bildungsgeschichte
durehgegangen, ist sie grösser geworden, haben sich in ihrer
Gestaltung Gegensätze ausgebildet, so treten individuelles oder
vegetatives Leben und Fortpflanzung immer mehr aus einan-
der. Die Mutterzelle bildet nur nach einer bestimmten Zeit
Botanische Briefe, 7
98
und an einem bestimmten Theile Fortpflanzungszellen,
und diese selbst gleichen anfänglich noch keineswegs dem
Mutterorganismus. Wenn wir für erstere Fortpflanzungsweise
als die einfachste mehrere Chroococcaceen als Beispiele an-
führen können, so dienen für letztere die Gattungen Ascidium, .
Botrydium, noch mehr aber die Gattungen Vaucheria, Cau-
lerpa u. 8. w.
Unstreitig um eine Stufe höher verhalten sich beinahe
eben so einfach gebaute Pflanzen, aber die sich trennenden
Fortpflanzungszellen gehen nicht unmittelbar aus der Mutter-
zelle hervor, sondern erst durch Vermittlung einer oder meh-
rerer Zellengenerationen, die im Gegensatz zur eigentlichen
Fortpflanzungsgeneration vegetative Generationen ge-
nannt werden. Diese vegetativen oder Theilungsgenerationen
erzeugen eine Vielheit von Zellen, die mehr oder weniger
familienweise zusammenhängen, bis die letzte oder die Ueber-
gangsgeneration folgt, die sich trennt und den neuen
Cyklus beginnt. Die Zellen der Uebergangs-
generation sind meist anders gestaltet als
die Zellen der Theilungsgenerationen, und
lassen sich von diesen sehr wohl unter-
scheiden. Als Beispiel möge man die kleine
Alge Scenedesmus betrachten (?°).
Aber selbst diese vermittelnden, vegetativen Grenerationen
bleiben sich nicht gleich, sondern zeigen am Anfange und
Ende Verschiedenheiten, so dass die Uebergangsgeneration als
ein drittes Glied in der Fortpflanzungsweise erscheint.
Fig. 28. Scenedesmus acutus Meyen, eine kleine mit freiem Auge nicht er-
kennbare Alge, 800mal vergrössert, in der Uebergangsgeneration.
99
Von hier an aber gestalten sich die Fortpflanzungszellen
selbst ungleich, und damit ist der erste Anstoss zu einem
Dualismus gegeben, der sich bis zu den vollkommensten
Gewächsen hindurch spinnt und sicherlich nicht wenig Ein-
fluss auf die ganze Gestaltung der Pflanze, und besonders
jener Theile nimmt, in welchen nach langen Reihen von ver-
mittelnden, vegetativen Generationen der Gegensatz zur grösst-
möglichsten Ausbildung gelangt.
Fig. 29.
Während bei den streng ein-
zelligen und familienweise zusam-
menlebenden einzelligen Pflanzen
jede Zelle als Fortpflanzungszelle
erscheint (?°), wird bei den Zellen-
komplexen die Möglichkeit der Fort-
pflanzung nur auf die Spitzenzel-
len übertragen, während die Dauer-
zellen keinen Antheil daran nehmen.
In diesem Gegensatze, durch welchen jeder Zellenkomplex erst
sein Dasein erhält, ist aber auch die Heterogeneität der Fort-
pflanzungszellen aller Zellenkomplexe bereits vorgebildet, und
wir dürfen uns nicht wundern, wenn die ganze Fortpflanzung
der Gewächse diesem Dualismus unterthan ist. Zweierlei
Fortpflanzungszellen sind es also, die schon in den
einfachsten, einzelligen "Pflanzen als Bedingung der Fortpflan-
zung erscheinen und durch die verschiedensten Formen der
Zellenkomplexe hindurch in gleicher Weise die Fortpflanzung
Fig. 29. Gloeocapsa opaca Näg., ebenfalls eine sehr kleine Alge in der
Fortpflanzung von a bis e dargestellt, wo sie bald zwei, drei. vier und
mehrere familienweise zusammenlebende Individuen bildet.
7*
100
abhängig machen. Ist nun dieser Dualismus der Gestaltung
der Fortpflanzungszellen im ganzen Gewächsreiche mit Aus-
nahme der einfachsten Formen einmal erkannt, so ist unstrei-
tig die wichtigste Frage die: wie verhalten sich diese zweier-
lei Fortpflanzungszellen zu einander? — ist ihre gegenseitige
Einwirkung für die Fortpflanzung nothwendig? — und in wel-
cher Weise erfolgt diese Einwirkung ?
Bis jetzt hat die Erfahrung einen dreifachen Modus
erkannt.. Die verschiedenen Fortpflanzungszellen wirken auf
einander nicht unmittelbar ein. Sowohl die eine als die an-
dere Form, meist jedoch nur die eine derselben, ist zeugungs-
fähig und pflanzt getrennt von der Mutterpflanze das Indivi-
duum fort. — Der zweite Modus erfordert eine gegenseitige
Einwirkung durch unmittelbare Berührung. Während dabei
die eine Fortpflanzungszelle erschöpft wird, tritt die Befähi-
gung zur individuellen Entwicklung erst in der andern ein. —
Die dritte Art endlich besteht in einer gänzlichen Vereinigung
beiderlei Fortpflanzungszellen, aus welcher ein drittes, der
Keim einer neuen Reihe hervorgeht. Es ist merkwürdig, dass
dabei einer der beiden Fortpflanzungszellen häufig eine aktive
Ortsveränderung durch Vermittlung eigenthümlicher Bewe-
gungsorgane zukommt, oder dass eine Annäherung doch we-
nigstens in Folge des Wachsthumes möglich wird. Die erste _
Andeutung hierzu liegt schon bei den streng einzelligen Pflan-
zen, deren ast- oder vielmehr blattbildende Aussackungen,
die Träger der Fortpflanzung erst durch Annäherung und ge-
genseitige Vereinigung die Bildung der Fortpflanzungszelle
ermöglichen, wie das bei Vaucheria sessilis Lyngb. der Fall
188 (2°),
ai
Ob man in diesem Dualis- Fig. 30.
mus eine Geschlechtsdifferenz er-
kennen will oder nicht, ist hier
ganz gleichgiltig; so viel ist jJe-
doch gewiss, dass derselbe eine
die ganze Fortpflanzung beherr-
schende Einrichtung ist, die,
wenn sie auch nicht immer
gleich offen in die Erscheinung
tritt, dennoch nichts weniger
als letzte Triebfeder der Wirk-
samkeit erscheint. Dass in vie-
len Fällen, namentlich bei min-
ab ed
der organisirten Pflanzen, die eine Form dieser Fortpflanzungs-
zellen, sowohl in Gestalt als im Bewegungsvermögen grosse
Aehnlichkeit mit den die Fortpflanzung vermittelnden soge-
nannten Samenfäden der Thiere besitzt, lässt wenigstens der
Vermuthung Raum, dass zwischen der geschlechtlichen Fort-
pflanzung der Thiere und Pflanzen in der Wesenheit wenig
Unterschied sein mag. Von den Fucaceen, oder vielleicht ei-
gentlicher von den Characeen an durch die Flechten (?), Le-
bermoose (*!), Laubmoose, Farn und Schachtelhalme zieht
sich dieser offenbare Geschlechtsdualismus und wird erst in
den höheren Pflanzen mehr versteckt, darum aber in seiner
Bedeutung als solcher nicht minder zweifellos.
Erlauben Sie nun, meine Leser, das Ineinanderwirken
Fig. 30. Kleine Stücke von Vaucheria sessilis Lyngb. a Keimästchen und
b Hackenästchen vor der Kopulation, — c Keimzelle in dem Keimäst-
chen nach der Kopulation; d der entleerte Hackenschlauch nach der Ko-
pulation. (Nach Nägeli).
c b a
beiderlei Fortpflanzungszellen in den blüthentragenden Pflan-
zen etwas ausführlicher zu beleuchten. Sie sind es ja, die
Fig. 31. Blüthenstand von Jungermannia complanata. (Theilweise nach W. Hof-
meister). Drei Archegonien a.b.c von einem Perianthium f eingeschlossen,
wovon % noch nicht befruchtet sind, das 3te 5b eben befruchtet wird. Das
Keimbläschen noch einfach. — Neben denselben von einem Deckblatt e un-
terstützt ein Antheridium d. Dasselbe ist bereits an der Spitze geöffnet
105
wir fast immer vor unseren Augen haben, und die gerade
während dieser Thätigkeit — bei dem Blühen — am meisten
unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Durch unendliche Reihen von Zellen hindurch scheint
sich bei der Mehrzahl der Pflanzen erst die Befähigung zur
Bildung der Fortpflanzungszellen nach und nach zu entwickeln.
Derselbe Dualismus, der sich zwischen Dauer- und Bildungs-
zellen bei der Enstehung dieser Reihen ausspricht, der den
Gegensatz zwischen Achse und Blätter hervorruft, tritt end-
lich an der Spitze derselben durch eine unendliche Stufen-
folge geläutert, als Fortpflanzungszellen hervor, und schliesst
als Ziel der Bildung jeden weiteren Fortbau der Pflanze ab.
Zwei Organe der höchsten Antithese werden die Träger der
Fortpflanzungszellen, das Staubblatt von der einen, von
der peripherischen Seite, de Samenknospe an der Ach-
senspitze auf der andern, nämlich der centralen Seite. Die
Bildungsstätte der Fortpflanzungszellen im Staubblatte liegt in
der Mitte der verkümmerten Blattspreite. Aus einer Zelle
entwickeln sich hier bald Reihen von Zellen, in deren Innern
nach rascher transitorischer Zellbildung endlich die Fortpflan-
zungszellen, hier Pollenzellen genannt, hervorgehen. Mit
ihrer vollkommenen Ausbildung trennt sich das umgebende
Zellgewebe (Staubbeutelfächer) und die Fortpflanzungszellen
treten frei heraus. Sie sind es, welche den Blumenstaub bilden.
Während dies bei den letzten Schritten, den die Meta-
morphose des Blattes am Stengel durchmacht, geschieht, findet
und lässt die Samenfäden (Spermatozoidia), einige noch in ihren Mutter-
zellen eingeschlossen, andere davon befreit. heraustreten. Ein Theil da-
von hat sich bereits an die Mündung des reifen Archegonium begeben.
in den Endtheilen der Achse ganz etwas Aehnliches Statt.
Die Achse, durch die fortwährende Blattentwicklung fast kon-
sumirt, schiebt über die letzte Blattspirale der Fruchtblätter
nur noch einen kleinen Fortsatz der Achse hinaus, der ent-
weder einfach bleibt, oder sich zertheilt und dann den Frucht-
blättern sich so anschliesst und so mit ihnen verwächst, dass
man sie nicht mehr von diesen zu unterscheiden im Stande ist.
Aus diesem letzten Fortsatze der Achse, der meist in eine
Höhle der in vielfacher Weise zusammengewachsenen Frucht-
blätter hineinragt und Mutterkuchen (Placenta) genannt wird,
entspringen nun Zellenreihen, die gleichfalls in ihrem Innern
Fortpfianzungszellen hervorbringen. Der ganze Apparat hier-
zu wird Samenknospe genannt, und besteht aus einem Kern
von Zellen (Nucleus), über welchen sich vom Grunde aus bis
nahe an die Spitze.nach und nach eine oder mehrere schei-
denförmige Hüllen (Eihäute) hinüberschieben, so dass zuletzt
nur noch ein kleiner Zugang zu dem Kern, der sogenannte
Knospenmund (Mieropyle) übrig bleibt. Die Zellreihe, aus de-
ren Spitze dieser Apparat sich entwickelte und zu einem bald
längeren bald kürzeren Träger (Samenstrang) herangewachsen
ist, nimmt zuletzt gegen diesen eine sehr verschiedene Stel-
lung und Lage ein, je nachdem die Ausbildung des ersteren
auf einer allseitigen oder mehr einseitigen Entwicklung der
Elementartheile beruht. Kurz im Centrum des Apparates, im
Kern ist es nun ebenfalls wieder eine Zelle, vielleicht die
Scheitelzelle, die sich übermässig vergrössert (Keimschlauch,
Embryoschlauch) und in ihrem geräumigen Innern mehrere
kleine, freie, im Zellinhalte schwimmende Zellchen erzeugt.
Es sind dies und kön-
nen nichts anders sein
als Fortpflanzungszel-
len (*?).
Diese letztern aus
der Achse hervorge-
gangenen -Fortpflan-
zungszellen bilden sich,
wie es scheint, von
selbst nicht mehr wei-
ter aus und würden
verkümmern, und end-
lich ganz aufgelöset
werden, wenn sie nicht
zu weiterer Entwick-
lung von aussenher be-
stimmt würden. Auch
t.»p
em
die frei gewordenen se i
Pollenzellen, obgleich s.e -------—-- Bi N
vollkommen ausgebil- 1
det, haben dasselbe
Fig. 32. Durchschnitt einer vergrösserten Blüthe von Buchweizen (Fagopy-
rum emarginatum). p Blüthenhülle. st Stauborgane mit geöffneten Staub-
beuteln. Einige Pollenzellen sind auf die Narbe des Griffels (siyl) ge-
rathen, wo sie sich bereits verlängert haben, und durch den Griffelkanal
bis an den Keimsack s.e (saculus embryonis) vorgedrungen sind.
Durch beigefügte stärkere Vergrösserung des oberen Theiles der Sa-
menknospe ist man im Stande den ganzen Verlauf des Pollenschlauches
t.p, sein Eindringen durch den Knospenmund der äusseren Knospendecke
i.e (integumentum externum) — der inneren Knospendecke i.:i (integumen-
tum internum) — den Knospenkern ne (nueleus) bis in den Keimsack s.e
zu verfolgen, wo er mit den Keimzellen em in unmittelbare Berührung
tritt,
106
Loos. Nun geschieht es aber, dass die freien Pollenzellen und
die Zellen des Keimschlauches an einander gerathen, und
siehe da! während die ersteren dabei verkümmern, entsteht
die Fähigkeit zur weiteren Ausbildung in den letzteren, die
damit endet, dass der ganze vorhin genannte Apparat, — nun
Same genannt, — sich von der Mutterpflanze lostrennt, und
die bereits junge Pflanze in eine Lage versetzt, sich fortan
selbstständig ausbilden zu können. Natürlich geht diese ganz
und gar’nach dem Typus der Mutterpflanze vor sich.
Die Fortpflanzungszellen der Samenknospe sind zwar in
dieser eingeschlossen, sie selbst in der Regel in der Höhle
der zusammengewachsenen Fruchtblätter, d. i. im Fruchtkno-
ten verborgen, allein dies hindert dennoch nicht, dass die frei
gewordene Fortpflanzungszelle des Staubblattes mit jenen in
unmittelbare Berührung kommen kann.
Dies geschieht auf folgende Weise. Schon die Lage des
Fruchtknotens ist von der Art, dass unter den vielen Tausen-
den der Pollenzellen, die nach der Oeffnung der Staubbeutel
frei werden, einige davon sicherlich mit demselben und na-
mentlich mit dessen Spitze in Berührung kommen. Die Spitze,
welche durch die Verwachsung der Spitzen der Fruchtblätter
entstanden ist, und je nach deren Form bald kürzer, bald
mehr in die Länge gezogen ist (Griffel), geht am Ende in
einen etwas erweiterten Theil auseinander (Narbe).
Diejenigen Pollenzellen, welche die Narbe empfängt, be-
reitet sie durch einen fortwährend ausgeschwitzten Saft der
Art zu einer weitern Entwicklung, zu einem Fortwachsen,
oder wenn man lieber sagen will: Keimen vor, dass sich dar-
aus in der That mit Hinterlassung der äusseren Hülle ein
Zellschlauch entwickelt, welcher sowohl einfach bleibt als sich
auch durch Aussackung zu verzweigen im Stande ist. Die
so keimende Pollenzelle würde aber ungeachtet der Nahrung
der Narbenfeuchtigkeit bald zu Grunde gehen, wenn sie nicht
im Stande wäre, mit ihrem vordringenden Ende sich zwischen
den aufgelockerten Zellen der Narbe und zwischen Reihen
wenig zusammenhängender Zellen des Griffels Bahn zu bre-
chen. Nach einiger Zeit gelingt es immerhin, einer oder meh-
rerer Pollenzellen selbst bis in die Fruchthöhle hinabzugelan-
gen. Nun sind nur wenige Hindernisse mehr zu überwinden.
Die Spitze des wachsenden Pollenschlauches gelangt leicht
selbst an die Samenknospe und findet da durch die Oeffnung
der Samendecken einen ungehinderten Fortgang bis zu dem
Samenkorn. Endlich aber müssen noch die Zellen des Nu-
cleus durchbrochen werden, was um so leichter gelingt, als
dieselben noch sehr zart und nachgiebig sind und in der Zeit
auch der Keimsack durch seine Ausdehnung und durch das
Verdrängen der oberen Zellen dem Pollenschlauche gewisser-
massen entgegen gekommen ist.
Im Keimsacke selbst sind nun auch die Keimzellen nahe
an die Oberfläche getreten und berühren sogar die Innenseite
seiner Wand. Es ist daher dem bis hierher vorgedrungenen
Pollenschlauche ein leichtes, nur durch die Membran des
Keimschlauches getrennt, mit den Keimzellen in eine mittel-
bare Berührung zu kommen, ja derselbe breitet sich an der
Oberfläche des Keimsackes sogar aus, um diese Berührung
wo möglich nachdrücklich zu Stande zu bringen. Die Folge
davon ist, dass während der Pollensack nach und nach von
Aussen nach Innen abstirbt, in einer der Keimzellen, wahr-
108
scheinlich in der dem Pollenschlauche zunächst gelegenen eine
weitere Zellbildung eintritt, die endlich mit der Bildung der
Grundlage einer neuen Pflanze schliesst. Ob hierbei in man-
chen Fällen der Keimsack an’ der Berührungsstelle beider an
einander tretender Fortpflanzungszellen nicht ganz resorbirt
wird, so dass sich nun beide unmittelbar zu berühren vermö-
gen, scheint nicht unwahrscheinlich, ist jedoch durch die Er-
fahrung noch nicht hinlänglich ermittelt. So viel ist jedoch
gewiss, dass es zu weiterer als einer blossen Kontaktwirkung
zwischen beiderlei Zellen in allen höher gebildeten Pflanzen
nicht kommt, während ein Verschmelzen beider durch Kopu-
lation in den niederen Sphären des Gewächsreiches keine sel-
tene Erscheinung ist. So zeigt denn auch in der Fortpflan-
zung die höher ausgebildete Pflanze einen Sieg über das Ma-
terielle, und wo dort eine innige Verschmelzung beider Ele-
mente zur Hervorbringung eines neuen Keimes erforderlich
ist, genügt hier eine einfache Berührung und eine mehr dy-
namische Transfusion .geläuterter Stoffe. Mit Einem Worte,
es ist ein Kuss, womit die blüthentragende Pflanze das schönste
Werk ihrer Verjüngung feiert.
DREIZEHNTER BRIEF.
SPROSSBILDUNG. GENERATIONSWECHSE
J III
Mit der Ausgleichung der Geschlechts - Differenz ist der
Dualismus, der alles in und an der Pflanze auf die Spitze
trieb, versöhnt, das Ziel des individuellen Lebens erreicht.
Ein weiteres ist für dasselbe nicht mehr möglich, darum
schliesst auch die Blüthe, in welcher diese Ausgleichung zu
Stande kommt, den Bau der Pflanze vollkommen und für im-
mer ab. —
Indess gelingt es der Pflanze nicht immer, ja vielleicht
fast gar nie, dieses Ziel in der oben angegebenen Reihenfolge
der Entwicklungen auf einmal zu erreichen. Der als Norm
aufgestellte Bau der Pflanze ist somit nur ein Ideal, das sich
in der Natur nur selten verwirklichet findet. Statt diesem an
und für sich zwar regelmässigen und schönen, seiner Natur
nach aber höchst beschränkten, hinfälligen Ideale, ist in der
Pflanze vielmehr ein Bauwerk hingestellt, das über alle Be-
schränkung in Zeit und Raum sich zu erheben vermag, das
allen Eventualitäten Trotz bietet und an Grösse und Macht
alle Bauwerke übertrifft, die menschlicher Verstand und Aus-
dauer je hervorzubringen im Stande waren.
Aber nur dadurch, dass die Pflanze in ihrer idealen Rich-
110
tung, in ihrer Entwicklung sich selbst zu bezähmen vermag,
dass sie sich selbst Hindernisse stellt, und dadurch zu erneu-
ter Kraftanstrengung aufgefordert wird, tritt sie gleichsam über
die Beschränkung hinaus, und vollendet ihre Aufgabe erst
in einer Reihenfolge selbstständiger Entwicklungen, was sie
sonst mit einem Streiche erreicht haben würde. Die Pflanze
als einheitliche Entwicklungsreihe wird dadurch zum Ge-
wächs, in welchem Reihen auf Reihen folgen.
Steigen wir nun von der Betrachtung der Pflanze zur
Betrachtung des Gewächses empor. Das Maiglöckchen soll
uns hierin als Wegweiser dienen.
Man würde sich sehr irren, wenn man der flüchtigen Be-
obachtung folgend«in diesem Gewächse eine einfache, an einer
und derselben Achse stattfindende Aufeinanderfolge von Blatt-
organen bis zur Samenknospe erkennen wollte. Das ist nicht
so. Die Achse, die sich aus dem Samenkorne entwickelt,
bringt es nie und nimmermehr bis zur Bildung der Blüthe,
im Gegentheile schliesst sie sich mit Hervorbringung der Nie-
derblatt- und Laubblatt- Formation vollkommen ab, letztere
selbst nur in wenigen Blatteykeln vollendend. Ohne Bildung
einer neuen Achse, welche aus der erst entstandenen hervor-
geht, und welche das vollendet, was die erste unvollendet
lässt, wäre die Erreichung des Zieles dieser Pflanze unmög-
lich. Die zweite Achse nun, die nicht mehr mit der Nieder-
blattformation, auch nicht mit der Laubblattformation beginnt,
sondern unmittelbar die Hochblattregion entfaltet, trägt an ih-
rer Spitze die Blüthe und bringt das in der ersten Achse begon-
nene Werk erst zu Ende. Diese Pflanze muss demnach mit
gutem Recht eine zweiachsige genannt werden. Solchen zwei-
Pflan-
zen begegnen wir
achsigen
fast überall im
Gewächsreiche ,
besonders aber in
den blüthentra-
genden Pflanzen,
auch ist es nicht
immer eine Folge
zweier Achsen,
womit das Ge-
wächs vollendet
wird, sondern es
finden sich nicht
selten eine Folge
von 3, 4, ja selbst
von 5 Achsen (°?).
Dass diese Fol-
ge von Achsen,
wie alle Bildun-
sen der Pflanze,
Ergebnisse der
Generationsthä-
tigkeit sind, lässt
sich schon von
vorn herein ver-
muthen, es wird
dies aber auch
noch durch die
anatomische Un-
\
Fig.
33.
112
tersuchung insoferne bestätiget, als dieselbe es wahrscheimlich
macht, dass jede Zweigbildung von Einer Zelle der Achse
ausgeht und durch fortgesetzte Generationen derselben zu ei-
nem Komplexe von Zellen wird, der sich durch selbstständige
Entwicklungsrichtung von der Entwicklung der Mutterachse
gleichsam loszureissen, oder sich zu emanzipiren sucht. Diese
‘selbstständige, alle Bildungselemente unter eine Richtung
bringende Entwicklung, ist es, wodurch dergleichen Zellen-
komplexe auch auf die Bedeutung selbstständiger Achsen An-
spruch machen können. Es ist nicht zu leugnen, dass in
diesem Vorgange eben so gut, wie in dem Zeugungsprozesse
der Fortpflanzungszellen eine Fortpflanzung des Gewächses
erzielt wird, sie geht jedoch, und kann nicht anders als von
einem Monismus ausgehen und bleibt daher jeder dualistischen
Zeugung untergeordnet. Von einem blossen Fortwachsen un-
terscheidet sie die Selbstständigkeit der Bildungsrichtung, so
wie die häufig vorkommende Trennung von der Mutterpflanze
ganz und gar.
Die Erscheinungen bei Bildung neuer Achsen sind sehr
mannigfaltig und können hier nur der Hauptsache nach in
Betrachtung gezogen werden. Jede neue Achse erscheint an-
fänglich verkürzt, die Blattelemente durch die kleinsten Inter-
valle von einander geschieden, alles gleichsam konzentrirt.
In diesem Zustande werden sie Knospen genannt, bei der
Fig. 33. Zur Erläuterung des Angegebenen diene beifolgendes dreiach-
siges Gewächs, an dem zwar einzelne Elemente vorhandener Pflan-
zen zu erkennen sind, die jedoch auf eine ideale Weise zusammengestellt
wurden, um die Sprossbildung auf die einfachste Form zu redueiren. I.
Erster Spross mit alleiniger Niederblattbildung. ‘IL. Zweiter Spross mit
Niederblatt- und Laubblatt-Formation. III. Dritter Spross mit Hoch-
blattformation zuletzt mit der Blüthe geschlossen.
115
Erweiterung der Intervalle und Ausbildung der Anhangsor-
gane — Sprosse. Die Knospe deutet also nur den Jugend-
zustand des Sprosses an, kann aber übrigens der Träger der
verschiedensten Blattformationen sein. Es gibt daher Sprosse
mit Niederblatt, Sprosse mit Laubblatt, Sprosse mit Hoch-
blatt und endlich Sprosse mit Blüthenformation, ja selbst bei
den Blüthensprossen kann eine oder die andere Formation
der Blüthe, namentlich die der Staubblätter oder der Frucht-
blätter fehlen.
Dies hindert jedoch nicht, dass nicht anderseits ein und
derselbe Spross mehrere Blattformationen vereiniget, also ge-
wissermassen vollständiger als ein anderer ist.
Jeder Theil der Pflanzenachse, ja selbst der absteigende,
kann Sprossen erzeugen ; kein so festes Gesetz, wie bei den
Blättern bestimmt ihre räumliche Aufeinanderfolge, was eben
zeigt, dass sie etwas von der Blattbildung durchaus Verschie-
denes darstellen. Doch findet es sich sehr häufig, dass die
Entstehungsstelle des Blattes zugleich den Ort bezeichnet,
von wo aus die Sprossbildung häufig ihren Ursprung nimmt.
Die Knospen in den Achsen der Blätter gehören im Pflanzen-
reiche zu den gewöhnlichsten Erscheinungen.
Von grösserer Bedeutung und Einfluss auf das Aussehen
des Gewächses ist die Aussprossungsregion, d. i. die
Abtheilung der Blattformation, von welcher aus der Spross
hervorgeht. Es ist hier ebenfalls wieder ein allgemeines Gesetz,
dass alle Sprossen nur aus den unteren Regionen, nie aus den
oberen entspringen, jedoch ist es sehr verschieden, ob ein
Spross aus der Niederblatt-, Laubblatt- oder selbst aus der
Hochblattregion hervorgeht. Dass der Apparat für die weib-
Botanische Briefe. s
114
liche Fortpflanzungszelle in den höheren Pflanzen Spross und
Samenknospe oder Samensprösschen genannt wird, liegt nur
in der äusseren Aehnlichkeit und muss daher als dem We-
sen des Sprosses durchaus fremd, für die Zukunft verbannt
werden.
Eben so wie die Aussprossungsregion massgebend für
das Gewächs wird, ist es nicht minder die Sprossfolge
selbst, oder die Ordnung, in welcher die mehr oder minder
ausgebildeten Sprosse auf einander folgen, um das Gewächs
in seiner vollständigen Integrität darzustellen. In dieser Spross-
folge zeigt sich deutlich die Abhängigkeit eines Sprosses von
dem andern und die vollständige Darstellung des Gewächses
beruht eben in der fortschreitenden Folge der einzelnen Sprosse,
— eine Erscheinung, die man auch im Thierreich als Aufein-
anderfolge unter sich ungleichen Generationen zur zeugungsfä-
higen Endbildung wahrnimmt und die man da als Genera-
tionswechsel bezeichnete.
Wenn im Thierreiche diese Generationsänderung nur in
den niedersten Thierklassen gefunden wird, so bemerken wir
diesen Generationswechsel in der Sprossfolge im Gewächs-
reiche als eine der allgemeinsten Erscheinungen von der um-
gekehrt hier vielleicht nur die niedrigsten Pflanzen eine Aus-
nahme bilden. I
Von dieser Sprossfolge, die unbezweifelt als eine we-
sentliche erscheint, da von ihr die geschlechtliche Fort-
pflanzung des Gewächses abhängt, ist die Erscheinung der
wiederholenden Sprossen wohl zu unterscheiden, da sie
es eigentlich sind, welche das Gewächs zu dem stempeln, wie
es realiter in die Erscheinung tritt. Es findet nämlich keines-
15°
wegs ausnahmsweise, sondern fast als Regel statt, dass die
Bildung eines Sprosses eine grössere oder geringere Anzalıl
gleichwerthiger coordinirter Sprosse nach sich zieht. Was
also einem einzigen Individuum zugewiesen sein würde, ist
bei dieser Einrichtung einer Menge gleichwerthiger Individuen
übertragen. Schlägt daher dieser oder jener Prozess auch bei
dem einen oder bei dem andern fehl, so übernimmt ihn der
folgende und die Erhaltung der Pflanzenart ist dadurch bei
weitem weniger gefährdet, als es der Fall wäre, wenn die
Sprossfolge nur eine einfache bliebe.
Dies tritt um so deutlicher bei den Sprossen letzter Ord-
nung, die die geschlechtliche Fortpflanzung zum Zwecke ha-
ben, hervor, und kommt damit noch eine ungleichzeitige Ent-
wicklung der Blüthen zu Stande, so mögen die äusseren Ein-
flüsse noch so störend einwirken, sie werden weder der Inte-
grität des Gewächses noch viel weniger jener der Art einen
Eintrag zu thun im Stande sein. Ja auf dieser Wiederholung
der Sprossen beruht endlich auch die Erstarkung vieler Pflan-
zen, ohne welcher sie vielleicht nie ihr Ziel würden erreichen
können. Die Ausbildung der Spargelpflanze, der Rebe, der
Linde u. s. w. hängt von solchen Erstarkungssprossen ab.
So hat also die Natur der Pflanze selbst Sorge getragen,
dass ihre Zwecke möglichst vollständig erreicht werden, und
selbst die scheinbar unwesentlichen und überflüssigen Wieder-
holungssprosse sind in dem Haushalte derselben von Be-
deutung. Aber auch auf die Gestaltung des Gewächses, wel-
ches dadurch wahrhaftig als eine Familie innigst verwandter
und sich gegenseitig unterstützender Individuen erscheint, hat
sowohl diese Wiederholung als die weitere Potenzirung gleich-
8*
116
artiger Achsen den auffallendsten Einfluss. Erst dadurch wird
die Pflanze zu einem Pflanzenstock, auf dem Tausende
von Individuen verschiedenen Alters in gegenseitiger Abhän-
gigkeit und mit dem Bestreben nach gleichem Ziele sich des
Lebens freuen, und wenn der hinfällige Blüthenbüschel mit
seinen unzähligen Blüthen uns eine Macht von Reizen entfal-
tet, wie wir sie in der ganzen Pflanzenwelt nirgends finden,
so wird der Baumstamm mit seinen Tausenden Aesten und
Zweigen, in deren jedweden eine Dryade wohnt, unser Ge-
müth eben so zur Ahnung einer Grösse und Harmonie erhe-
ben, die uns erst im Hinblicke eines Weltganzen gebrochen
vor die Seele tritt.
Endlich ist in dem Sprosse noch die thatsächliche Ver-
mehrung des Gewächses nicht zu übersehen. Viele von den
Sprossen (nämlich die Wiederholungssprosse) haben das Ei-
genthümliche, dass sie schon im Jugendzustande als Knospen
(Brutzwiebeln) sich von dem Pflanzenstocke lösen und damit
das biologische Individuum fortpflanzen; andere thun dies erst
nach erfolgter Entwicklung. Was die Natur der Pflanze hierin
anzeigte, hat der Mensch zu seinem Vortheil nicht sparsam
fortgesetzt, und indem er ihr Knospen, Zwiebeln, Knollen
u. s. w. entreisst, vervielfältiget er einen grossen Theil seiner
Nutzgewächse. Zu den Pflanzen, deren Knospen und Knos-
penanhäufungen sich von selbst trennen, gehören viele Zwie-
belgewächse, wie z. B. die Feuerlilie (Zikum bulbiferum); zu
jenen, deren Verbindung erst nach und nach aufgelöset und
durch Zerstörung vernichtet werden muss, sind zu zählen die
Erdbeere, die Kartoffel und mehrere andere (°*). Ohne Zwei-
fel hat diese Bildung von Vermehrungssprossen, die man
117
auch Brutknospen genannt hat,
selbst in den tiefer stehenden Fig. 34.
Gewächsen einen gleichen Aus-
druck gefunden. Die Bruthäuf-
chen der Moose, Lebermoose,
die Keimzellen der Flechten
und Algen sind offenbar nichts
anderes als solche Bestrebun-
gen zur Fortpflanzung ohne
Gegensatz eigentlicher Fort-
pflanzungszellen. Und so se-
4 IQ
o- NIIIUSEIN
hen wir bis in die ersten An-
fänge des Gewächsreiches hinab
eine Einrichtung getroffen, die
die Erhaltung der Pflanzenart
selbst unter den ungünstigsten
Umständen und bei der grös- ,
sten Hinfälligkeit der Individuen
dennoch aufrecht erhält.
Mit meisterhafter Hand hat Alexander Braun die-
ses ganze so schwierig auf einen Gesichtspunkt zurückzufüh-
rende Chaos von Sprosswesen zu beherrschen gewusst und
sicherlich dadurch mehr Klarheit in das Verständniss des
Fig. 34. Ein junges Pfänzchen von Solanum utile mit sechs Blatt - Paaren.
Aus den Achseln des ersten Blattpaares, nämlich der Keimblätter, sind
zwei, so wie aus den des folgenden Blattpaares ebenfalls zwei Nieder-
blattsprossen hervorgegangen, und haben sich zum Theil schon in die
Erde versenkt. Obgleich in ihren Enden nicht, wie bei der Kartoffel,
zu Knollen verdickt, dienen sie doch wie jene zur Vermehrung des Ge-
wächses, indem ihre Verbindung mit der Mutterpflanze bald abstirbt.
118
Pflanzenbaues gebracht, als die detaillirtesten anatomischen
Untersuchungen es bisher im Stande waren. Die Architek-
tonik des Pflanzenbaues im Grossen verdankt ihm dadurch
sicherlich die grössten und wichtigsten Aufschlüsse.
VIERZEHNTER BRIEF.
EINHEIT DER GATTUNG UND DER HEHEREN KA-
TEGORIEEN.
Es ist eine unbestreitbare Thatsache, dass die Pflanze
nur in einer Reihenfolge von Verjüngungserscheinungen ihr
Ziel erreicht. Zwischen Aufgeben des Gewonnenen und Er-
reichung des Erstrebten, zwischen Vernichtung und Wieder-
geburt schwebt sie, bis es ihr gelingt, das in immer grösse-
rer Divergenz aus einander tretende Bildungsleben wieder zu
vereinen. Die Bildung der Zellen, der Aufbau in Blatteykeln '
und Blattformationen und endlich die Sprossbildung und Spross-
folge sind nichts anderes als engere und weitere Kreise, in
welchen sich das Absterben und Wiedererzeugen der Pflanze
darstell. Während im Thierorganismus durch alle Organe
hindurch dieselbe Metamorphose still und verborgen durch-
geht, wird im Pflanzenorganismus jedes Glied derselben starr
und bleibend, und jedes neue legt sich über das alte, schwingt
sich triumphirend über das Ziel früherer Errungenschaft. Al-
les ist dabei nicht blos Eines, es ist auch ein neben einander
Existirendes, so dass man den ganzen Stufengang, die ganze
Umstaltung und Verjüngung mit einem Blicke zu übersehen
im Stande ist.
120
In gleicher Folge schreitet die Pflanze bei ihrer Fort-
pflanzung fort. Es ist kein Stillestehen mehr möglich, und
ist auch das Individuum zum Abschlusse gebracht, so baut
es sich in seiner Nachkommenschaft doch in derselben Weise
fort. Dadurch entsteht eine Reihe von Individuen, räumlich
zwar von einander getrennt, aber durch die Generationsfolge
loch immerhin zu einer Einheit, zu einem Ganzen verbunden.
Wie auch in der Reihe dieser Individualisirungen das Leben
auf- und niederschwanken mag, alle Glieder desselben hän-
gen immerhin realiter zusammen, obgleich der Faden zerreisst,
der sie bei ihrer Entstehung zusammenhält. Die Summe die-
ser in der Erscheinung getrennten Individuen ist es nun,
welche wir als Gattung (species) bezeichnen, und es ist
nicht in Abrede zu stellen, dass dieser Begriff keineswegs
ein blosses Aggregat von Einzelheiten, sondern eine Reihe
derselben darstellt, in der sich jedes Glied in einem gewissen
Verhältnisse zu den übrigen Gliedern verhält. Dieses Ver-
hältniss ist aber kein anderes als das Verhältniss, in welcher
eine Zelle zur andern, ein Blatteyklus und eine Blattforma-
tion zur andern und endlich ein Spross zum andern sich
befindet.
Dadurch geht aber von selbst hervor, dass die Gattung
in ihrer Wesenheit dasselbe ist, was eine Zellreihe, eine Folge
von Blatteykeln und Blattformationen, so wie eine Sprossfolge
d. i. ein organisches Ganzes. Als solches muss dem-
nach die Gattung auch alle jene Eigenschaften besitzen, welche
organischen Wesen überhaupt zukommen. Unter diesen be-
zeichnen wir vor allen andern erstens die Entstehung aus
einem Keime, zweitens die Entwicklung zu einem vollendeten
121
Ganzen und drittens das Aufgeben der Individualität nach
Erreichung der Bestimmung.
Es müssen demnach im Leben der Gattung alle diese
Momente, die im Einzelwesen häufig sehr nahe auf einander
folgen, in weiteren Zeiträumen eben so nothwendig wieder
erscheinen. Mit Einem Worte, die Gattung muss einen An-
fang, eine Reihenfolge weiterer Entwicklungssta-
dien und ein Ende haben.
Leider ist die kurze Spanne Zeit, die einzelne Beobach-
ter für die Erscheinungen dieses Lebensganges der Gattung
widmen können, viel zu klein, um erfahrungsmässig diese
Stadien auch nur an einer oder der andern Gattung ausfindig
zu machen. Nur das Absterben der Gattung oder das Ent-
stehen derselben könnte allenfalls, als auf kürzere Zeiträume
beschränkt, ein Gegenstand der Erfahrung sein, allein da sich
auch hierin die Beobachtungen mehrerer Menschenalter ergän-
zen mussten, die wenigsten Pflanzen aber durch ihren Ein-
fluss auf den Menschen seine Aufmerksamkeit auf sich gezo-
gen haben, so ist wohl begreiflich, dass wir auch über diesen
Punkt vollkommen im Dunkel sind. Nur aus der Thierwelt
tauchen hie und da bedeutungsvolle Thatsachen auf, welche
in der Pflanzenwelt ähnliche Erscheinungen vermuthen lassen.
Aber auch zugegeben, die Pflanzengattung hat wie die
Thiergattung ihr Existenz-Alter, d. h. die ihr zugewie-
sene Zeit des Daseins, so lässt sich wohl das Erlöschen aus
einer steten Verminderung der Produktivität erklären, allein
die Entstehung derselben, ihr Hervorgehen, ihr Eintritt in
die Natur, ist damit noch nicht erklärt, wenn wir ihr auch
auf einmal unter den bereits bestehenden Gattungen begegne-
122
ten. Die Frage über den primordialen Zustand der Gattung,
über das Verhältniss derselben zu den übrigen Gattungen und
zur Natur im Ganzen ist damit noch nicht gelöset.
Fasst man, wie es bisher üblich ist, die Gattung als eine
Summe gleichgebildeter (gleichartiger) Individuen auf, an de-
nen sich, wie die Erfahrung unserer Beobachtungsfrist zeigt,
auch nicht eine Erscheinung sich bleibend ändert (unverän-
derliche Merkmale), so wird man nothgedrungen zur Erklä-
rung dieser Frage auf den Satz geführt, dass die Entstehung
der Gattung unmöglich in einer der vorhergehenden ihren
Grund haben könne. Es bleibt also nichts übrig, als anzu-
nehmen: Kräfte ausser dem Bereiche der organischen Welt
treten zur Erschaffung der Gattung zusammen, eine Annahme,
die, wenn auch nicht im Widerspruche mit der Wirksamkeit
anorganischer Kräfte überhaupt, doch wenigstens wie ein ba-
res Wunder klingt.
Ganz anders nimmt sich die Sache aus, wenn wir den
Pfad der Analogie verfolgend die Gattung als eine Summe
bildungsfähiger daher veränderlicher Elemente ansehen, in
welcher zwar auf lange Zeiträume hinaus keine Metamorpho-
sen bemerklich werden, nichts desto weniger aber im Um-
fange von Jahrtausenden (aus welchen gering gerechnet, das
Existenz - Alter jedes organischen Wesens bestehen mag) Kei-
men, Wachsen, Blühen, Fruchtbringen und Reifen der Gat-
tung erfolgt.
Es würde allerdings irrig sein anzunehmen, dass in die-
sem Metamorphosengange der Species eben nur die Verschie-
denheit der Gattungen bestände, allein wer mag es leugnen,
dass nicht durch diese immerhin an eine gewisse Norm ge-
123
bundene Veränderlichkeit des Bildungstriebes neue Kombina-
tionen der Elemente entstehen, die sich von dem vorhandenen
Gattungscharakter losreissen und als neue Gattungen in die
Erscheinung treten. Man frage mich nicht, wann? man frage
nicht wo dergleichen Abzweigungen aus den bereits bestehen-
den Gattungen entstanden. Hierüber kann nur die Entwick-
lungsgeschichte der gesammten Pflanzenwelt möglicher Weise
Aufschluss geben, jedoch so viel ist klar, dass dieser die
Gattung betreffende Generationswechsel weder
den Jugendzuständen noch dem Alter der Gattung angehören
mögen, sondern der Periode ihrer grössten Kräftigung, ihrer
höchsten Entwicklung sowohl dem Umfange als der Energie
des Bildungstriebes nach.
Indess sind uns selbst in unserer fragmentarischen Beob-
achtungszeit Erscheinungen aufgestossen, die bedeutungsvoll
zur Unterstützung obiger Ansicht dastehen, und wenn auch
nicht, wie man meinte, an der Stabilität der Gattungen rüt-
telten, so doch den grossen Metamorphosengang einer Gat-
tung in die andere und somit das Zusammengehören dieser
unter eine höhere Einheit deutlich beurkunden. Es sind dies
Erscheinungen, die zum Theile dem normalen Leben, theils
dem krankhaft entfesselten Bildungstriebe angehören. Das
Abweichen einzelner Merkmale von der Regel in der Succes-
sion von Generationen ist eine der gewöhnlichsten Erschei-
nungen. Bei grösserer oder geringerer Beständigkeit dieser
Abweichungen nennen wir das eine Abartung (variatio), das
andere Racenbildung. Wie weit dieselben oft gehen können,
zeigen unsere Kulturpflanzen, in welchen wir die Stammeltern
kaum wieder, ja oft gar nicht mehr zu erkennen im Stande
124
sind. Dass diese Abweichungen nicht durchaus von einer
Aenderung äusserer Einflüsse, namentlich von veränderten
Licht-, Luft-, Feuchtigkeits- und Boden-Einfluss u. s. w.
herrühren, beweiset schon der Umstand, dass sich zwei ähn-
liche Arten von Pflanzen unter diesen Umständen häufig ganz
verschieden verhalten.
Während der Bildungstrieb beider gleich stark affızirt
wird, schlägt er bei der einen um, indess er bei der andern
ohne Erfolg bleibt. Der Versuch daher, die Verschiedenhei-
ten der Gattungen auf Einwirkung äusserer Momente, na-
mentlich auf die Bodenbeschaffenheit zurückzuführen, lässt
sicherlich den wahren Grund bei Seite stehen. Eben so un-
zulänglich, obgleich nicht bedeutungslos, bewährt sich der
Erfolg, den die Zeugungsthätigkeit der einen Pflanzenart auf
die andere ausübt, wodurch sowohl bei den höheren, wie bei den
tiefer stehenden Pflanzen (selbst bei Moosen und Farn) Mischlinge
(Hibriditäten) entstehen, gleichsam neue aus der Kombination
zweier hervorgegangene Gattungen. Ihre Dauer, obgleich auf
einige Generationen anhaltend, ist jedoch immerhin beschränkt,
daher solche Bastarde nie im Stande sind, das Bürgerrecht
unter den übrigen ebenbürtigen Pflanzengattungen anzuspre-
chen und zu erlangen.
Endlich liegen noch die Erscheinungen abnormen Bil-
dungstriebes als nicht unbedeutende Momente für das stetige
Vorhandensein eines umbildenden Pflanzentriebes in der Wag-
schale. Wer kennt nicht die ihm auf jeder Wiese, in jedem
Garten aufstossenden Zeichen verwandelter Pflanzentheile. Nicht
blos, dass sich Stamm und Blätter übermässig ausdehnen, ein
anderes Gewebe, andere Bestandtheile u. s. w. erhalten; selbst
125
in der sonst so gesetzmässigen
Blattordnung tritt ein Schwan-
ken ein, die Cykeln ändern
sich, die Aufeinanderfolge in
den Formationen wird gestört,
und Umwandlungen der son-
derbarsten Art treten ein. Wem
sind die sogenannten verbreite-
ten Schösslinge, die gefüllten
Blumen, die durchwachsenen
Blüthen (°°), die zerschlitzten
Früchte u. a. m. unbekannt ge-
blieben ? Ueberall ist es der
nach Sättigung dürstende Bil-
dungstrieb, welcher bald ver-
steckt, bald offen diese Erschei-
nungen hervorruft. Und es sollte
diesem Wandelgeist, diesem Ver-
treter des Unsteten und Ver-
änderlichen in der That nicht |
ı
gelingen, sich über die engen
Grenzen der Gattungseigenthümlichkeit hinauszuschwingen ?
Dies ist kaum glaublich. — Wenn wir demnach auch alle
bisher gemachten Beobachtungen über die Umänderung der
Fig. 35. Eine durchwachsene Lilie (Zilium candidum), in welcher sich alle
Theile der Blume in einen beblätterten Zweig umwandelten. Der Blü-
thenschaft dieser Pflanze hatte dadurch, dass sämmtliche Blumen diese
Metamorphose eingingen, ein durchaus verändertes Aussehen. Die Ab-
bildung ist die Hälfte der natürlichen Grösse.
126
Gattungstypen als unrichtig verwerfen müssen, können wir
doch nicht umhin, in dem Genius, der die Gattung bestimmt,
ihre Einheit durch alle Zeiten und Räume zu bewahren sucht,
und wirklich bewahrt, dennoch die Kraft zu erkennen, die
nicht blos aus Wasser Wein macht, sondern mit gleicher
Zaubermacht auch eine Gattung in die andere überzuführen
im Stande ist. Ist aber aller Gattungunterschied vor diesem
Zauberstabe in Nichts versunken, wie lässt sich zweifeln, dass
in den höheren Kategorieen nicht dieselbe genetische Einheit
herrsche, dass nicht auch sie das Ergebniss der Abstammung
in weiteren Kreisen sei. Wahrlich, wir würden sehr irren,
wenn wir nicht auch diesen, durch unseren Geist zusammen-
gefassten Einheiten eine reale Existenz beimessen. Hat sich
die Einheit des Pflanzenleibes überhaupt nur dadurch mög-
lich gemacht, dass alle seine einzelnen Elemente eines aus
dem andern hervorgegangen sind, so ist diese Einheit in der
gesammten Schöpfung der Pflanzenwelt gewiss ebenfalls nur
dadurch möglich, dass ein Glied aus dem andern, eine Gat-
tung aus der andern, ein Geschlecht, eine Familie aus der
andern ihren Ursprung nahm. Und eben so wenig im Pflan-
zenleibe auch nur eine einzige Zelle von Aussen hinzukommt,
eben so wenig kann eine Gattung, ein Geschlecht, eine Ord-
nung u. s. w. von Pflanzen von Aussen hergekommen, und
nicht aus ihrem Schoosse entstanden sein. —
So baut sich vor unserem erstaunten Blicke nicht blos
das wunderbar gegliederte Gebäude der sichtlichen Pflanzen-
gestalt auf, es reicht dies selbst in Regionen hinein, die un-
ser sterbliches Auge nicht mehr zu durchdringen im Stande
-ist. Nicht blos die Einzelpflanze, sondern das ganze Pflan-
zenreich ist ein Bau — ein Bau zu dem die Tausend und
aber Tausend Geschlechter wie Blätter und Blüthen, wie ein-
zelne Zellen als Bausteine dienen.
FÜNFZEHNTER BRIEF.
DAS PFLANZENREICH IN SEINER RAUMLICHEN AUSDEH-
NUNG. (GEOGRAPHIE DER PFLANZEN.)
Werzeihen Sie mir, meine Leser, dass ich ungeachtet
der unabsehbaren Grösse, welche der Pflanzengarten der Welt
darbietet, dennoch den Muth habe, Sie in demselben herum
zu führen, und Ihren Blick, wenn auch nicht nach allen Sei-
ten hin, doch wenigstens nach den Hauptpunkten zu lenken.
Alles Grosse erscheint uns ja erst dann in seiner wahren
Grösse, wenn wir es aufgefasst haben, und dass das grüne
Weltgebäude nicht minder als jedes andere der Beachtung
werth ist, darf ich wohl als gewiss voraussetzen. Schon von
vorn herein lässt sich vermuthen, dass der Garten, den wir
betreten, zwar kein Irrgarten ist, in welchem sich jedoch
einigermassen zu orientiren keine so leichte Aufgabe ist. Hät-
ten nicht Männer wie Alexander v. Humboldt, Wallen-
berg, Schouw, v. Martius, Robert Brown, Wallich,
Reinwardt, Blume, Parker-Webb, Desfontaines,
Hooker fil, Grisebach u. A. ihn bereits nach so vielen
Richtungen durchstreift, wahrlich ich würde es nicht wagen,
Ihr Geleitsmann zu sein und hoffen zu dürfen, Sie an das
gewünschte Ziel zu bringen.
129
Durch welche Pforte wir auch eintreten mögen in den
Park, welche Wege wir auch einschlagen und verfolgen mö-
gen, so wird sich uns überall dieselbe Wahrnehmung auf-
drängen, dass eine bunte Mannigfaltigkeit von Gestaltungen,
ein Durcheinanderdrängen der differentesten Formen selbst bis
auf den kleinsten Flächenraum der hervorstechendste Zug in
dem Charakter der vegetabilischen Welt bilde. Fast möchte
man glauben, dass eine Gesetzmässigkeit in der Anordnung
der verschiedenen Glieder dieses Weltganzen durchaus nicht
vorhanden, ja sogar bei der Unbestimmbarkeit der Entwick-
lungen einerseits und der Wandelbarkeit äusserer Einflüsse
andererseits ganz und gar unmöglich sei. Dem ist jedoch
nicht so; denn zeigt sich uns auch allenthalben ein innigeres
oder lockeres Durchweben der verschiedensten Formen, so
wird doch der Blick gar bald dort und da von gesellig zu-
sammenlebenden, wenn auch nicht ihrer Natur, so doch ihrer
Lebensweise und Tracht nach verwandter Pflanzen angezogen,
und es erscheint hier eine Flur, dort ein Wald, da eine
Haide und Steppe, dort ein Moor, ja selbst an diesen Sam-
melplätzen ähnlicher Trachten tritt nicht selten das Blutsver-
wandte enger zusammen und schliesst in seinem vertraulichen
Beisammensein alles Fremde mehr oder weniger aus. Ein
Tannenforst, ein Küstensaum von Manglebäumen (Rhizophora
Mangle), ein Haideland von Erica drücken ein bei weitem
innigeres Gesellschaftsband aus, als die blumige Alpenmatte,
die baumdurchwirkte Aue oder der undurchdringliche Urwald.
Diese Verhältnisse sind nicht etwa erst eine Folge der Ein-
wirkung des Menschen, dessen Hand allerdings mächtig in
den Bestand der Vegetation eingriff, — sie sind vielmehr als
Botanische Briefe, N)
150
ursprüngliche aufzufassen , wenigstens vor allem derartigen
Einfluss längst stabil geworden. Geschieht auch durch die
Benützung des Bodens diesem ursprünglichen Charakter man-
cherlei Eintrag dadurch, dass durch den Anbau die Gesellig-
keit einzelner Arten unterstützt wird, so ändert das im We-
sentlichen doch wenig, und nur zu bald stellt sich, so wie
jener Schutz aufhört, das frühere Verhältniss wieder her. Der
Mensch hat als vermeintlicher Herr der Schöpfung bei Be-
nützung seiner Wohnstätte es nur zu oft zu seiner Beschä-
mung erfahren, dass er über die bestehende Anordnung der
einzelnen Glieder des Gewächsreiches nur im ganz beschränk-
ten Sinne Meister zu werden im Stande war, ja dass er dort,
wo er anmassend Gewalt anzuwenden suchte, wohl gar von
einer ihm unbekannten Macht in die Schranken verwiesen
wurde. Es zeigt sich nämlich gar bald, dass jedem Gewächse
auf der Erde ein bestimmtes Territorium angewiesen ist, das
es ohne Gefahr für seine Existenz nicht zu verändern ver-
mag. Sehet die Alpenrose vom Waldbach ins Thal hinabge-
führt, wie sie trotz der lauen Lüfte dahinsiecht, betrachtet
den aus Westindiens Wäldern vom Golfstrom an die Küsten
Norwegens getragenen Samen, wie er, bevor er noch gekeimt
hat, schon der Ungunst des Klima’s unterliegt! Oder ist etwa
die Pflanze des ehrwürdigen Granithauptes, die der Sturm
wohlbehalten an den nahen Kalkfels hingeweht, besser daran?
oder das im lockeren Sande wuchernde Gras, das die Fluthen
in zähen Thon eingebettet haben? — Vergebens scheinen selbst
die mächtigsten Kräfte der Natur an dem Bestande der Ve-
getation anzukämpfen, ohne irgend etwas Wesentliches ändern
zu können, und wir sind daher gedrungen, anzuerkennen,
131
dass es feste Gesetze gibt, nach welchen diesen Pflanzen der,
jenen Pflanzen ein anderer Ort ihres Daseins und der Ver-
breitung angewiesen wurde.
Am einflussreichsten hat sich hierbei unstreitig das Ge-
setz der Abhängigkeit von der Wärme geltend gemacht.
Dem eisernen Scepter dieses Einflusses beugt sich jedwede
Pflanze, sie mag von Luft, sie mag von Wasser umfluthet
sein. Wenn auch ein gewisses Wärmemass nicht gerade ge-
staltverwandte Pflanzen vereiniget, so bringt es doch eine
Vereinigung von Gewächsen zu Stande, die ihrem Habitus
und ihrer Kapazität nach für eben dieses Agens mehr als an-
dere unter einander gleichgestimmt sind. Auf diese Weise
tritt in den allerumfassendsten Zügen die Verschiedenheit der
Vegetation nach der Vertheilung der Wärme auf der Erde
hervor, und wir unterscheiden auf das auffallendste eine Ve-
getation der Polarländer, der gemässigten Zone,
der wärmeren Länderstriche und der Tropenge-
genden mit noch kleineren Nuancirungen, die zwischen je-
nen Erdgürteln liegen. Da aber das Wärmemass überall auf
der Erde eben so nach der Höhe, wie nach den Breitengra-
den abnimmt, so entsprechen den in horizontaler Erstreckung
auf einander folgenden Vegetationszonen eben solche dort, wo
sich die Oberfläche der Erde mehr oder minder bedeutend
über das überall gleiche Niveau des Wassers erhebt, und wir
haben in unseren Gebirgen von unten nach aufwärts dieselbe
Abwechslung der Vegetation, welche die Aufeinanderfolge der
Breitenzonen darbietet, nur hier in rascherer Aufeinanderfolge,
gleichwie die Abnahme der Temperatur hier ungleich rascher
als dort erfolgt. Diesem Umstande ist es demnach zuzuschrei-
g*
132
ben, dass die Vegetation der Polarländer und der höchsten
Bergspitzen der Erde, welche die immerwährende Grenze des
Schnees und Eises erreichen, eben so in ihrer Physiognomie
übereinstimmen, wie es die Gewächse wärmerer Klimate und
der Tropen durch die ganze Erde zeigen. Wie sehr trägt
nicht die Vegetation des Feuerlandes, der Staateninsel, der
Maluinen, von Kerguelensland und der südlichen Polarländer,
die Vegetation der nördlichen Eiszone und die Vegetation un-
serer mitteleuropäischen Hochalpen, der Anden, des Himalaıja
u. s. w. einen gemeinsamen Anstrich, der sich nicht blos auf
den allgemeinen Habitus, sondern selbst bis auf Familien -,
Geschlechts- und Gattungsähnlichkeit erstreckt.
Ein Beispiel geben die allverbreiteten Gattungen Ranun-
culus, Geranium, Epilobium, Saxifraga, Poa, Festuca, Carex
u. a. m., die eben so an dem unwirthlichen beeisten Strande
von Victorialand und den Spitzbergen, wie auf den öden Klip-
pen der Alpen, der Anden, des Himalaija u. s. w. ihre Reprä-
sentanten haben. Ein Gleiches gilt auch von den übrigen
Zonen.
Nächst der Temperatur ist die Beschaffenheit des
Bodens, oder in grösserer Allgemeinheit ausgedrückt, die
Unterlage, von dem entschiedensten Einflusse auf die räum-
liche Anordnung der Gewächse. Hat jene die Pflanzen nach
gewissen Regionen vertheilt, so ist die Unterlage derjenige
Aequator, der sie nach gewissen Distrikten ordnet, und ihnen
sogar bestimmte Standorte anweiset. Nach dem Bedürfnisse
für spezifische Nahrungsmittel, ungeachtet der überall verbrei-
teten allgemeinen Nahrungsstoffe, drängen sich die ihrem Na-
turell nach verwandten Pflanzen immer wieder näher zusam-
men, so wie ihnen jene Bedingungen in einer grösseren oder
geringeren Ausdehnung dargeboten werden. Und so theilen
sich Land- und Wasserpflanzen und nach dem Unterschiede
des Wassers diese weiters in Süsswasser- und Meerespflanzen,
so wie die Landpflanzen nach der physischen und chemischen
Natur des Bodens in Sumpf- Sand- Fels- Pflanzen, — in Torf-
pflanzen, Salzpflanzen und in Pflanzen des Kalkes, des Gyp-
ses, des Thonschiefers, des Granites u. s. w. Wir ersehen in
der grossen Mannigfaltigkeit der physischen und chemischen
Beschaffenheit des Bodens die Bedingungen einer eben so
grossen Mannigfaltigkeit (ler von eigenthümlichen Pflanzen be-
haupteten Distrikte. Wie einflussreich sich hierin selbst die
durch grössere oder geringere Verbreitung und Wechsel ge-
wisser geognostischer Formationen hervorgebrachte Einerlei-
heit und Verschiedenartigkeit der Vegetation erweiset, zeigt
jedes Land, jedes Gebirge.
Wie die Wärme, so ist auch der Wassergehalt der At-
mosphäre und die davon abhängige Feuchtigkeit der
Luft und des Bodens an gewisse Normen in ihrer Ver-
theilung über die Oberfläche der Erde gebunden, und sind
die Gürtel periodischer Niederschläge nach der Menge des fal-
_lenden Wassers auch weniger regelmässig, so scheint darum
die Vegetation nicht weniger diesem einflussreichen Momente
zu folgen. Nicht nur das Vorhandensein, die Stärke und
Ueppigkeit der Vegetation hängt davon ab, sondern auch die
Periodieität ihres Erwachens und Schlafens.. So wie Wärme
und Kälte in und über die gemässigte Zone hinaus ein Still-
stehen und Wiederaufleben der Vegetation bedingt, so hat
Feuchtigkeit und Trockenheit der Luft und des Bodens in
134
den wärmeren Gegenden ein ähnliches Schwanken zur Folge.
Dort aber, wo Wärme und Feuchtigkeit sich zugleich in ho-
hem Masse geltend machen, erfolgt auch eine Ueppigkeit der.
vegetabilischen Decke, die sich eben so in der Mannigfaltig-
keit der Formen wie in der Massenhaftigkeit der Individuen
gusspricht. Während wir demnach leichten Fusses über Al-
penmatten und Wiesengründe der Polarländer hinwegschrei-
ten, müssen wir uns durch das unentwirrbare Gedränge der
Urwälder der Tropen wie z. B. Brasiliens, West- und Ost-
indiens, der Sunda-Inseln u. s. w., ja selbst der feuchten
Chonos-Inseln mittelst der Axt Bahn brechen und sind nicht
sicher mit jedem Schritte von rankenden, schlingenden, über
einander aufgethürmten und schmarozenden Gewächsen um-
ringt und gefangen gehalten zu werden (?°).
Haben sich nun aber auch alle bisher durchgeführten
äusseren Einflüsse als Bedingungen gleichförmiger Gestaltun-
gen der Pflanzenwelt für grössere oder kleinere Distrikte gel-
tend gemacht, und je nach ihrer mehr regelmässigen oder
unregelmässigen Vertheilung auf der Erdoberfläche eine bald
monotone bald in, kleineren Räumen wechselnde Vegetation
erzeugt, so ist doch dadurch keine solche Gruppirung der
Pflanzen hervorgegangen, dass die ihrem morphologischen Cha-
rakter nach verwandten Gewächse darnach in nähere Berüh-
rung gebracht worden wären. Die Matten des Nordens wer-
den nicht ausschliesslich hier durch Moose, dort durch Gras-
arten, an einer dritten Stelle durch doldentragende Gewächse,
eben so die Wälder der Tropen hier durch Fikusarten, dort
durch Cäsalpinien und Leguminosen u. s. w. gebildet. Ein
inniges Vermischen selbst der im Habitus oder in ihrem
Naturell verwandten Pflanzen ist durchwegs zu bemerken und
bildet einen so hervortretenden Zug in der Physiognomie der
Fig. 36. Ein tropischer Urwald in Brasilien (Pedra da Onga) nach Zeich-
nungen von Benj. Mary. (v. Martius Flora brasiliensis fasc. A. tab. phys
XXXIV.)
Diese Landschaft stellt eine in die üppigste Vegetation eingehüllte Fel-
senpartie vor, in deren Tiefen ein kleines Wässerchen rieselt.
Palmen und verschiedene tropische Laubbäume bilden den Holzwuchs,
156
verschiedenen Pflanzenformationen, dass es nur höchst selten
geschieht, wenn nahe verwandte Formen sich ausschliesslich
des Bodens bemächtigen oder doch wenigstens vorwiegend er-
scheinen. Auf dieses Verhältniss des Vorwiegens gewisser
durch Verwandtschafts-Gesetze unter einander verbundener
Pflanzen beruht zuletzt der Charakterzug, den diese oder jene
Gegend, der oder jener Strich Landes erhält, welcher, ob-
gleich er nicht immer scharf in die Augen fällt, doch durch
die Beobachtung gefunden werden kann, und der es auch
rechtfertiget, die ganze Oberfläche der Erde nach diesen Ve-
getationseigenthümlichkeiten eben so in Reiche abzutheilen,
wie es die Sonderung der verschiedenen Völkerschaften der
"grossen Menschenfamilie erheischte. So wie wir also ein Reich
der Sinesen, der Hindus, der äthiopischen Völker, der Incas
u. 8. w. haben, eben so gibt es ein Reich der Camellien und
Celastrinen, der Scitamineen, der Stapelien und Mesembrian-
themen, der Cinchonen, Cacteen u. s. w., wenn auch that-
sächlich nicht immer wie dort die Natur hervorragender Völ-
kerstämme so hier die Masse der Pflanzen als massgebend
erscheint. Wer wird es leugnen, dass über den letzten Grund
der Vertheilung der Völkerfamilien noch ein tiefes Dunkel
schwebt, und wer mag es in Abrede stellen, dass uns die
Einflüsse, welche diese und keine andere Vertheilung der
an deren lebenden und abgestorbenen Stämmen ganze Truppen von grös-
seren und kleineren krautartigen Gewächsen wuchern, worunter insbe-
sonders die kletternden grossblättigen Pothos und Caladium, die schönen
Blattbüschel der Bromelien und die ähnlich unserem nordischen Baum-
bart (Usnea) von den Aesten herabhängende Tillandsia usneoides unser
Auge anziehen. Während hier Massen von dürstenden Gewächsen sich
nach dem Wasser drängen, scheinen dort andere in die Luft zu entflie-
hen und sich von Baum zu Baum schwingend das Dickicht nur noch
undurchdringlicher zu machen, durch das selbst die glühenden Sonnen-
strahlen nur schwer bis an den dampfenden Erdboden gelangen.
157
Pflanzengruppen auf der Erde bewirkten nicht eben so unbe-
kannt sind. Allerdings mag der Schlüssel für das Verständ-
niss des einen wie des anderen Geheimnisses in den früher
durchlebten Verhältnissen zu suchen sein, aber wer möchte
nicht vermuthen, dass wie überall in der Natur, auch hier die
einfachsten Verhältnisse zum Grunde liegen.
Ist die Pflanzengattung nach ihrer dermaligen Erschei-
nung, wie wir es wahrscheinlich zu machen suchten, eine Pro-
genies der Altvorderen, und führt diese Annahme zuletzt auf
immer wenigere und einfachere Grundtypen, so lässt sich bei
den immer grösser werdenden Verbreitungsbezirken, in wel-
chen die Urformen dereinst erschienen, eine eben so grosse
Verbreitung aller abgeleiteten Typen als nothwendig erkennen.
Wie demnach die Urformen sich die ganze Erde unterwarfen,
ınussten die sich in steten Gegensätzen bildenden abgeleiteten
Typen sich in das Bereich des gesammten Festlandes und der
Oberfläche der Erde überhaupt theilen. Es konnten somit
nicht irgendwo nur die einen, am andern Erdtheile die andern
unter sich verwandten Formen hervorgehen, sondern die grösst-
möglichste Mischung derselben musste die Folge sein, abge-
sehen davon, dass äussere klimatische Boden- und andere
Unterschiede die ursprüngliche Differenzirung noch vielfältig
unterstützten und erweiterten.
Wenn wir demnach die ursprünglichen Schöpfungsherde
der Pflanzengattungen fast gar nicht mehr auszumitteln im
Stande sind, so liegt es wahrlich nicht in ihrem Mangel, son-
dern in dem vielfältigen Verschlingen und Verweben ihrer
fortwährend veränderlichen Grenzen, gleichwie die in einem
Wasserspiegel durch fallende Körper erzeugten Kreise eben
158
so schwer der Zahl und der anfänglichen Stelle nach bestimmt
werden können.
Aber für das geistige Bedürfniss des Menschen sowohl
als für das leibliche ist diese vielseitige Durchschlingung der
Vegetation von grossem Vortheile.e Während einerseits eben
dadurch der Sinn für Einheit in der Mannigfaltigkeit geweckt
und geschärft wird, hat es dasselbe Verhältniss möglich ge-
macht, dass der Mensch sich über die ganze Erde ausbreitete
und überall die Bedingungen seiner Existenz finden konnte.
Der Irrgarten, als welcher dem Unverstande der Pflanzengar-
ten der Welt erscheint, wird demnach für den Einsichtsvollen
in der That zum Ausdrucke der innersten Harmonie, zu einem
wahren Eden, für welches ihm nur — die Unschuld fehlt.
SECHZEHNTER BRIEF.
DAS PFLANZENREICH IN SEINER ZEITLICHEN ERSCHEI-
NUNG. . (GESCHICHTE DER PFLANZENWELT.)
Schon einige Male sind wir bei dem Eingehen in die ur-
sächlichen Verhältnisse der Erscheinungen der Pflanzenwelt
auf die Betrachtung seiner früheren Zustände hingewiesen
worden. Die Pflanzenwelt als ein vielgliedriges Ganzes, die
Gruppirung der Glieder über die Oberfläche der Erde u. a. m.
sind Dinge, die ohne Auffassung des ihnen zum Grunde lie-
genden Ganges der Entwicklung nie in ihrer wahren Bedeu-
tung erkannt werden können. Dies und mehreres Anderes
drängt uns, nicht blos das jugendfrische Antlitz der Pflanzen-
schöpfung der dermaligen Welt, sondern eben so auch das
altergraue der Vorzeit ins Auge zu fassen. Wir dürfen uns
aber keinen grossen Gewinn von der Betrachtung des Doppel-
antlitzes dieses Janushauptes versprechen, wenn wir in dem
nach rückwärts blickenden Gesichte desselben etwa nur den
unserer Zeitrechnung unmittelbar vorausgegangenen Zustand
kennen zu lernen im Stande wären.
Abgesehen davon, dass bei dem Mangel aller historischen
Ueberlieferung, aller Denkmäler der Vorzeit ohnehin kein de-
taillirtes Bild möglich wäre, würde uns dasselbe überdies
140
wenig lehren, da alle historischen Zeitabschnitte viel zu kurze
Perioden umfassen, indem Veränderungen der Art, wie sie im
Leben der Gattung vorkommen, unmöglich in so engen Gren-
zen der Zeit hervortreten können. Nur Perioden, die weit
über die historische Fassung der Menschengeschichte hinaus-
reichen, sind allein im Stande, uns über dergleichen Zustände
Licht zu verschaffen. Aber indem wir einen so umfassenden
Zeitraum für eine erfolgreiche Betrachtung beanspruchen, ge-
nügt es uns eben so wenig in jene Zeit hinüberzublicken, die
dem Dasein des Menschengeschlechtes unmittelbar vorherging,
Ja um für jene Zustände der Vegetation einen weiteren An-
haltspunkt zu finden, wird ein Zurückgehen auch auf frühere
Zeiträume nothwendig, und so gelangen wir, soll unsere An-
sicht vollständig und folgerecht werden, zur Betrachtung ei-
ner ganzen Reihe aufeinanderfolgender Perioden bis zu einer
Zeit, wo die ersten Pulsschläge des Lebens überhaupt fühlbar
geworden sind. Nur in dieser Succession der Zustände des
Pflanzenlebens liegt ihre Entwicklungsgeschichte, liegt aber
auch das „darum“ auf das „warum“, das wir auf andere Weise
nicht zu beantworten vermöchten.
Wenn es als eine ausgemachte Wahrheit zu betrachten
ist, dass kein Tropfen Wassers auf der Erde verloren geht,
kein Atom des All’s verschwindet, dass überhaupt nichts spur-
los zu Grunde geht, so liegt in dieser Wahrheit der grösste
Trost für diejenige Wissenschaft, die sich die Betrachtung
der Begebenheiten, die Veränderungen der Dinge und ihre
Schicksale in der Zeit zum Vorwurfe macht. Da jeder Zu-
stand die Folge eines vorausgegangenen Zustandes ist, und
dieser immer weiter auf eine Reihenfolge früherer Zustände
.
44
hinweiset, so bedarf es nur eines einzigen Schlüssels, um von
dem letzten Verschlusse zu dem ersten zu gelangen. Dieser
Schlüssel ist jedoch noch für die wenigsten Dinge gefunden,
namentlich eben so wenig für die Pflanzenwelt. Statt also
aus den dermaligen Zuständen die früheren Zustände zu er-
forschen, um dieselben als nothwendig vorausgegangene Pha-
sen zu bezeichnen, bleibt uns nichts übrig, als nachzufor-
schen, ob nicht etwa Monumente vorhanden wären, welche
vorausgegangene Schöpfungsperioden hinterliessen, und die
durch den Zahn der Zeit vielleicht noch nicht ganz zerstört
sind.
Indem wir uns diese antiquarischen Forschungen zum
Zwecke machen, gehen wir in der That nicht leer aus. Bei
sorgfältiger Durchsuchung der verschiedenen Erdschichten und
Gesteinsbauten stossen wir bald auf Münzen mit wohlerhalte-
nem Gepräge, bald auf Utensilien und Kunstgegenstände man-
cherlei Art, ja selbst auf Grundvesten von Bauwerken, die
uns ein nicht undeutliches Bild einstiger Zustände gewähren.
Die Münzen sind für die Geschichte der Pflanzenwelt die Ab-
drücke von Blättern und anderen Pflanzentheilen, die Uten-
silien die Versteinerungen, die Grundvesten der Bauwerke die
Lager von Steinkohlen, Ligniten u. dgl. Alles dieses spricht
aber so zuversichtlich für eine Zeit früheren Daseins der Pflan-
zenwelt, als in ihren verschiedenen Formen und der Aufein-
anderfolge derselben die Phasen ihrer Entwicklung dargelegt
sind. —
Das Suchen nach den für den Menschen so nützlichen Me-
tallen hat denselben schon seit den ältesten Zeiten veranlasst, die
verborgenen Tiefen der Erde aufzuschliessen, der Hang nach
142
erhöhtem Wohlstand hat das Bedürfniss hiefür fort und fort
vermehrt, und dadurch beigetragen, immer tiefer und allsei-
tiger vorzudringen. Es konnte dabei nicht ausbleiben, wenn
die Arbeit von Erfolg sein sollte, in der Kenntniss des Baues
der Erdveste, oder wie wir vielmehr sagen sollen, der Erd-
rinde, immer weitere Fortschritte zu machen. Die hierüber
gemachten Erfahrungen zusammengestellt bilden das was man
Bergbaukunde, Geognosie, Geologie u. s. w. nennt.
Das ganze Alterthum hat indess für die in den oberfläch-
lichen Erdschichten verborgene Geschichte der organischen
Wesen und daher auch der Pflanzen keine Ausbeute gemacht.
Das Gold ging ihm über alles; es übersah die verschlossenen
Goldklumpen, die neben jenen offen daliegenden Körnern wa-
ren. Erst vor einigen Jahrhunderten, in der Zeit, wo der
Mystiecismus ahnungsvoll und phantasiereich den Schleier der
Isis emporzuheben versuchte, fanden versteinerte Muscheln,
Gebeine von Drachen und Unthieren eine Beachtung, und eben
so ergötzte sich das Auge an den zarten Zeichnungen der
Blattformen unbekannter Pflanzen und liess aus dem in Stein
umgewandelten Holze Kunstgegenstände mancherlei Art be-
reiten.
Noch war die Paläontologie, die Vorläuferin einer Ge-
schichte organischer Wesen, kaum ein lallendes Kind. Der
grösste Fortschritt geschah erst mit dem durch die Noth ge-
botenen Aufschluss der Lager fossilen Brennstoffes. Wer hatte
noch vor 200 Jahren geahnet, dass in den den Mineralkörpern
ganz und gar verwandten Steinkohlen nichts anders als die
Reste einer ungeheueren Vegetation der Vorwelt begraben
liegen, — wer hätte vermuthet, dass es uns aus den an der
145
Grenze dieser Lager im tauben Gesteine vorkommenden Ab-
drücken von Blättern, Rindentheilen, Früchten, Samen u. s. w.,
so wie aus ihrer hie und da erhaltenen Struktur gelingen
würde, ihre Bildungsgeschichte zu lesen, — wer hätte endlich
damals die kühne Hoffnung gehegt, daraus sogar einen Mass-
stab für die Zeit zu finden, und die Millionen von Jahren zu
zählen, die in der Bildung der Pflanzenwelt der Gegenwart
vorausgegangen sind? Haben dem Geschichtsforscher die Geo-
gnosten ein immer vollständigeres Bild von der Aufeinander-
folge der Gesteinsschichten und der Schichtenkomplexe (For-
mationen) gegeben und die Entstehungsweise derselben an-
schaulich gemacht, so unterliessen es jene umgekehrt nicht,
Schritt für Schritt von den untersten bis zu den obersten
Schichten die in ihnen eingeschlossenen, obgleich meist nur
in Trümmern, aber dennoch zum Kennen erhaltenen organi-
schen Reste aufzulesen, sie unter einander zu vergleichen, zu
ordnen und sich durch diese bedeutungsvollen Wraks früherer
Schöpfungsperioden einen Ueberblick sämmtlicher Wesen und
ihrer Formen zu verschaffen.
Es stellte sich gar bald die unzweifelhafte Wahrnehmung
heraus, dass die Pflanzenwelt so wie die Thierwelt von den
frühesten Weltaltern an bis jetzt einen mächtigen Umschwung
erlitten haben. Alle Zweifel über die Unvollständigkeit un-
serer Untersuchungen wurden gelöset, und wenn uns gegen-
wärtig auch nicht das ganze Materiale vor Augen liegt, wor-
aus die heutigen Schöpfungen der Pflanzenwelt ihren Reich-
thum entfalteten, so sind uns doch die wesentlichen Glieder
jener bis in undenkliche Zeiten hinabgehenden Vegetation
sicherlich nicht mehr verborgen.
14
Aus der Zusammenstellung aller bisher gelieferten Bei-
träge von Sternberg und Lindley bis Ad. Brongniart
und Göppert geht für die Entwicklungsgeschichte der Ve-
getation als sicher hervor, dass mit den sieben grossen
geologischen Perioden (die jetzige mit eingerechnet),
auch die Pflanzenwelt, die in sieben grössere Abstufun-
gen zerfällt, nur stufenweise ‘sich nach und nach hervorge-
bildet hat.
Zeichnet sich die erste oder die Uebergangsperiode durch
den vorherrschenden Charakter der allereinfachsten Gewächse
aus, so ist es die Steinkohlenperiode, die durch das Ueber-
wiegen der sogenannten Gefässkryptogamen, die Triasperiode
durch die Monocotyledonen, die Juraperiode durch die nackt-
samigen Pflanzen u. s. w. bis zur heutigen siebenten Periode,
die durch den überwiegenden Einfluss der dialypetalen Pflan-
zen bestimmt wird. Diese Untersuchungen zeigen ferner ganz
klar, dass selbst die erste der Schöpfungsperioden mit einer
Summe von Pflanzenformen begann, die massgebend für alle
übrigen sein konnte, d. h. in welcher die Keime für alle spä-
ter erfolgten Entwicklungen zu finden sind, mit einem Worte,
mit Pflanzen, die in der That als wahre Urformen anzusehen
sind. Es liegt also der Pflanzenwelt im Ganzen nicht etwa
eine einseitige lineare Entwicklung zum Grunde, sondern eine
allseitige, strahlenförmige Ausbreitung, und in jenen Urbil-
dern ist der ganze Inhalt der Jetztvegetation, wie in einer
nach flüchtigen Umrissen entworfenen Kreidezeichnung' ent-
halten (*”).
Konnte es sich bei diesem steten aus sich Herausgehen
der Vegetation, welche sich nach und nach in den Schöpfungs-
EIN CALAMITENWALD DER STEINK( )HLENPERIODE.
145
perioden versinnlichte, anders kommen, als dass mit der Ent-
stehung neuer Formen die früheren allzumal ihr Ende, ihr
Erlöschen fanden. So schreitet die Idee der Pflanze, wie frü-
her von Zelle zu Zelle, von Blatt zu Blatt, von Spross zu
Spross, von Individuum zu Individuum auch hier in stetem
Absterben und Neuerzeugen der Geschlechter in ununterbro-
chenem Wellenschlage der Verjüngungen vorwärts, eine Schö-
pfungsperiode um die andere bedingend, jede neu, jede fremd,
jede aus den früheren verwandten aber durchaus veredelten
Elementen hervorgehend.
Wie ganz anders erscheint uns nun die Pflanzenwelt der
Gegenwart, sie, die durch Tausende ungenügender Versuche
zu ihrer gegenwärtigen Vollkommenheit und ihrer weitumfas-
senden Verbreitung herangereift, in der Mannigfaltigkeit ihrer
Geschlechter ihre ganze Geschichte in sich abspiegelt. Kann
uns der bisher unerklärte Eindruck, den ein Farnkraut, ein
Nadelwald, ein Cycadeenbusch,, ein Grasfeld auf uns macht,
in seiner letzten Bedeutung noch verborgen bleiben? Ist es
nicht das längst verschlossene Grab der Steinkohlenflötze, das
Fig. 37. Man sehe beiliegendes Bild, welches einen Calamitenwald der Stein-
kohlenperiode darstellt. Es gehört diese seltsame Vegetation dem Jugend-
alter unseres Planeten an, in welchem zwar schon die vier grossen Haupt-
gruppen der Pflanzen-Gestaltung (Zhallophyta, Acrobrya, Amphibrya und
Acramphibrya), von letzterem jedoch nur die erste Abtheilung (Gymno-
spermae) entwickelt waren.
Ausser den schachtelhalmähnlichen Bäumen, einigen Farnkräutern und
Farnbäumen und der seltsamen Stigmaria ‚ficoides, welche versumpfte Stel-
len bewohnte, sehen wir hier noch kein edleres Gewächs, nicht einmal
einen kätzchentragenden Laubbaum.
Der Einbruch einer Wassermasse stürzt die hochwüchsigen, hohlen und
brüchigen Calamiten-Stämme leicht über einander, und vermehrt so wie
Windbrüche auf. unseren Torfmooren die Pflanzenmasse, die sich nach
und nach in Steinkohle verwandelt. Eine trostlose Oede, von keinem
höher belebten thierischen Wesen bevölkert, scheint sie so recht eigent-
lich zu einer Wahlstätte auserkoren, auf der durch Jahrtausende fort und
fort die wildesten Stürme sich unversöhnt begegneten.
Botanische Briefe. 10
sich hier aufthut, das geheimnissvolle Dunkel der Jurazeit,
der Triasperiode, das uns aus denselben anspricht? Wie alle
Trümmer untergegangener Grössen etwas Klagendes an sich
haben, so können die letzten Reste jener dahinsiechenden For-
men ebenfalls nicht anders als im Tone der Wehmuth zu uns
reden.
Diese Sprache gemischt mit der heiteren der in höchster
Entwicklung begriffenen Formen ist der wunderbarste Kon-
trast, der durch das Auge in unser Ohr dringt, und erklärt
besonders bei empfindsamen Menschen vielleicht allein das
Wohlgefallen und das Missbehagen, das die eine und die an-
dere Pflanze in ihnen hervorbringen; für den denkenden Men-
schen aber ist und bleibt es immerhin eine Aufforderung, sich
in die Tiefen ihres Seins und ihrer Bedeutung zu versenken. —
Wir haben die Pflanze anfänglich mit einem Baue ver-
glichen. Die elementare Zusammensetzung aus Zellen, ihre
Verbindung und Anordnung zu Massen, der Aufbau ihres
Leibes in der Form übereinander gestellter Stockwerke, alles
das lässt vielfache Vergleichungen mit der Konstruktion von
Bauten zu. Es ist aber noch ein Vergleich, der nicht minder
als die vorhergehenden passt, übrig, es ist der Vergleich der
verschiedenen Baustyle und ihrer Ornamentik mit dem histo-
rischen Charakter der Vegetation.
Gleichwie sich jener aus den einfachsten Formen ent-
wickelte und allmälig in den indischen, egyptischen, ma-
layischen und in den antiken Styl der klassischen Völker des
Alterthumes überging, aus welchen sich der byzantinische,
der maurische, der gothische und alle modernen Baustyle
hervorbildeten, so sehen wir auch den Baustyl der Pflanzen-
welt vielfach geändert. Und wie es uns seltsam ergreift, wenn
147
wir neben den halbversunkenen Bauwerken der Tolteken das
leichte, lichte Dach der Romanen, neben den Tempeltrümmern
ihrer Herrschaft baren Götter, das verschlossene Häuschen,
neben den Königsgräbern und Pyramiden die ärmliche Stroh-
hütte erblicken ; so ist der Eindruck kein anderer, als wenn
wir im Schatten absterbender Nadelwälder die lächelnde Rose,
im altergrauen Eichenhain das heitere kleine Veilchen bemer-
ken, und die Aufgabe, das Leben nur für eine vorübergehende
Form des Daseins zu nehmen, tritt klarer in den Vordergrund
der Empfindung.
10°
SIEBENZEHNTER BRIEF.
WESEN DER PFLANZE. — ANKNÜPFUNG AN DIE
SCHCEPFUNGSIDEE.
Eines; und zwar das Wesentlichste, ist noch übrig, um
das Bild, welches wir von der Pflanze zu entwerfen suchten,
zu vollenden, — das ist ihre Stellung in der Reihe der or-
ganischen Wesen überhaupt, in der sie selbst wieder nur ein
Glied ausmacht.
Nicht bloss im Organismus der Pflanze als Einzelwesen,
im Leben der Gattung so wie des gesammten Pflanzenreiches
hat sich die innigste Verkettung aller Einheiten kund gege-
ben, es scheint, dass sich dieses Band noch weiter hinauszieht
und zunächst ein Wesenreich berührt und durchschlingt, das
weit über die stille in sich verschlossene Pflanze hinausreicht.
Wie enge diese Berührung zwischen Pflanze und Thier,
wie innig die Durchdringung sowohl in materieller als ideeller
Richtung zwischen beiden ist, möge mir zum Schlusse etwas
näher zu beleuchten erlaubt sein.
Schon seit Langem bildete die scharfe Abmarkung bei-
der Gebiete des Lebens eine Hauptaufgabe für alle Jene, die
gewohnt sind, alles nach fest bestimmten Normen zu betrach-
ten. Die vulgären Begriffe von Pflanze und Thier, mit denen
man wohl auslangt, wenn man sich in den mittleren Theilen
ihres Bereiches bewegt, schienen nicht mehr auszureichen, so
149
wie man sich den Grenzen näherte. Ein vielfaches Ineinan-
dergreifen der Marken schien um so deutlicher hervorzutreten,
je emsiger man bemüht war, sowohl im Baue und in der
chemischen Constitution als in den Lebensäusserungen sichere
Unterschiede auszumitteln. Einmal glaubte man in den Ele-
mentartheilen und der Art ihrer Vervielfältigung, im Baue
und in der Anordnung der Organe einen Unterschied zwischen
Pflanze und Thier zu finden, ein anderes mal versprachen die
Stoffverhältnisse beider sichere Grenzscheiden, und wenn das
nicht, sollten doch in den Lebenserscheinungen derselben, na-
mentlich in den Bewegungsphänomenen solche Merkmale lie-
gen, die es nicht zweifelhaft liessen, ob sie von einem pflanz-
lichen oder thierischen Organismus ausgingen. Man kann
wirklich sagen, Anatomen, Chemiker und Physiologen haben
mit vereinten Kräften Pflanzen und Thiere auf die Folter ge-
spannt, um sich eine bestimmte Antwort auf diese Frage zu
erzwingen. Allein was war die Folge? Während man mit
allem Scharfsinn die einmal bestimmten Grenzen festzuhalten
suchte, geschah durch Entdeckungen, sowohl von Seite der
Chemiker als der Physiologen, ein Einbruch um den andern
in die gegenüber stehenden Gebiete, so dass man gegenwärtig
in der Lösung des Problems um keinen Schritt weiter gekom-
men ist. Es stellte sich vielmehr heraus, dass jeder Versuch
der Art ein Kriegszug in einem Nebellande ist, wo sich beide
Parteien nicht bloss gegenseitig, sondern auch unter einander
aufreiben. Lassen Sie mich daher, meine Leser, nicht Theil
nehmen an diesem unerquicklichen, fruchtlosen Streite, son-
dern vielmehr von sicherem Porte aus diesen Kämpfen zu-
sehen, und vielleicht eben daraus Massregeln entnehmen, wie
die widerstreitenden Ansichten zu vereinigen wären.
Bei Schlichtung jedes Zankes, bei Lösung jedes Proble-
mes kommt es darauf an, die Fragen so einfach wie möglich
zu fassen, jede die Aufmerksamkeit vertheilende Complikation
zu vermeiden und den Gegenstand so nackt als es geht hin-
zustellen. Um dies auf unsern Fall anzuwenden, werden wir
klug thun, die Pflanze nicht als fertiges ausgebildetes Wesen
dem fertigen vollendeten Thiere gegenüber zu stellen, eben so
wenig in den noch complizirteren Lebenskreisen beider An-
knüpfungspunkte zu suchen. Wir werden dem Ziele unstrei-
tig näher rücken, wenn wir uns in das Gebiet der Elementar-
theile begeben, und diese etwas näher prüfen.
Wie wir bereits schon aus dem Vorhergehenden über die
Pflanzenzelle unterrichtet sind, so ist sie es, welche alle Theile
der Pflanze bildet, alle Organe zusammensetzt und den gan-
zen Betrieb der Lebensökonomie der Pflanze regelt. Die Zelle
ist, wie wir bereits mehrmals darauf hinwiesen, das Fakto-
tum, ohne dem die Existenz der Pflanze unmöglich wäre. Die
Zelle ist aber zugleich noch mehr, wenn wir von dem Indivi-
duum absehen. Sie ist in der Fortpflanzung der Gewächse
das Band, das ein Individuum an das andere kettet, und also
das Leben der Gattung ermöglichet, sie ist aber ohne Zweifel
zuletzt auch jener Proteus, der über die Gattung hinaus die
höhere Gliederung des Pflanzenreiches in Geschlechter, Fa-
milien, Ordnungen u. s. w. vermittelt. Mit einem Worte, die
Zelle ist nicht blos der Ausgangspunkt jedes individuellen
Lebens der Pflanze, sie ist auch zugleich der Ausgangspunkt
des Lebens der Gattung und aller höherer Einheiten, ja sie
ist in der letzten Instanz gewiss auch der Ausgangspunkt
des Pflanzenreiches selbst, und sohin auch der Pflanzennatur.
151
In der Zelle also, und in nichts anderem, ist die Conzentra-
tion des gesammten Wesens der Pflanze zu suchen.
Bisher haben wir nur einen flüchtigen Blick in die Natur
und Einrichtung der Zelle gethan. Es lohnt sich nun wohl
noch der Mühe, etwas tiefer in das Heiligthum des Bereiches
einer so ungeheueren Wesenreihe einzugehen.
Die Zelle ist ein Bläschen für ein gewöhnliches Auge un-
kenntlich. Wenn wir dasselbe aber wenigstens 300 bis 400
Mal vergrössern, so finden wir an ihm nicht blos einen von
der starren Begrenzung verschiedenen flüssigen Inhalt, nicht
blos Bildungen, die nach Innen und Aussen abgesetzt werden,
und dadurch zu ihrer anatomischen sowohl, als chemischen
Verschiedenheit beitragen, sondern wir sehen unter günstigen
Verhältnissen zum Theil das Getriebe dieser kleinen Wirth-
schaft selbst.
Betrachtet man die unverletzte Zelle noch in ihrer vollen
Wirksamkeit, wie sie in ihrer Jugend erscheint, so ist ZWI-
schen Inhalt und Grenze noch kein Unterschied zu gewahren;
im Inhalte selbst aber scheint sich gar bald ein Lebensmittel-
punkt in Form eines winzigen Bläschens hervorzubilden. Die-
ses Bläschen, Zellkern genannt, bringt aber gleich bei seiner
Entstehung eine merkwürdige Scheidung des halbflüssigen In-
halts hervor. Es trennt sich nämlich eine zähe, flüssige, kör-
nige Substanz von der übrigen, die mehr wässeriger Natur
erscheint. Jene, Protoplasma genannt, sammelt sich sowohl
um den Lebensmittelpunkt als an der Peripherie, und. setzt
überdies Beide durch viele radienartige einfache und verzweigte
Fäden mit einander in Verbindung.
Es ist ein entzückendes Schauspiel in der so weit fertigen
Zelle das Treiben und Wogen dieses Lebenssaftes vom Mit-
152
Fig. 38. telpunkte zur Peripherie und umgekehrt zu be-
obachten (?®).
Die mannigfaltigsten Bewegungen, selbst
die entgegengesetzten Richtungen, werden hart
an einander in denselben Strömungsfäden wahr-
genommen. Alles rührt sich, Alles bewegt
sich in diesem Protoplasma, indess der übrige
Theil bewegungslos verharret, und nur hie und da in den
Strom mit hineingerissen wird. Keine pulsirende Ader be-
wegt diese Ströme, kein Pumpwerk treibt sie vom Mittel-
punkte der Zelle weg und wieder zurück. Diese merkwürdige
Substanz, dieses sich selbst bewegende Rad ist eine Pro-
teinsubstanz, enthält also dieselbe Stickstoffverbindung, wie
sie in jedem Thiere vorkommt.
In manchen Fällen (so weit unsere bisherigen Erfahrun-
gen reichen, nur bei niederen Pflanzen) geht die Ausbildung
jenes Protoplasma an der äusseren Grenze noch weiter.
Nicht ein blosses Bewegen der flüssigen Masse, sondern
ein Hervorbilden von fadenförmigen halbfesten Fortsätzen,
welche noch andere Bewegungen als die des Kreislaufes aus-
zuführen im Stande sind, gehen vor sich. Werden dergleichen
Zellen durch Oeffnung der Mutterzellen, in welchen sie sich
gebildet haben, frei, so führen sie auch von dieser ganz unab-
hängige Bewegungen aus, und sind sie im Wasser, schwim-
men sie auch frei in demselben herum (3). Die Wimperfäden an
ihrer Oberfläche dienen ihnen dabei eben so zu Ruderwerkzeu-
gen, wie die Cilien und Haare den Infusorien. Weder die Form
noch die chemische Beschaffenheit, noch das Contraktionsver-
mögen, ohne dem ja jene Wimper- oder Flimmerbewegung un-
denkbar wäre, unterscheiden diese Pflanzenzellen von ähnli-
chen Thierformen, ja
selbst Pigmentstellen
scheinen als Andeu-
tungen von Licht em-
pfindenden Organen
sie mit denselben nur
um so enger zu ver-
binden.
Allein dieserSchwung
des Lebens findet in
der Pflanzenzelle bald
sein Ende, bei den be-
wimperten schwärmen-
den Zellen früher als
bei den übrigen. Nach
kurzer Zeit schon zie-
hen sich diese Fühlhör-
ner, mit denen sie tie-
fer in die äussere Welt
als mit der Wurzel ein-
zudringen sucht, wie-
der ein; die Zelle wird
wieder glatt und es
scheidet sich bald auf (”
ihrer Oberfläche Zell-
stoff ab, der die Ein-
kerkerung derselben
vollkommen macht.
Fig. 39.
Fig. 39. A Eine junge wenige Tage alte Pflanze von Vaucheria clavata
Agdh. im Zustande der Fruchtreife, d. i. nahe daran, ihre erste Keimzelle
auszustossen. 3 die Keimzelle, nachdem sie den Mutterschlauch verliess,
154
Zwar dauert das lustige Spiel der Bewegungen auch un-
ter der starren Hülle der Zellmembran noch durch kürzere
oder längere Zeit fort, und es geht vorzüglich um diese Zeit
durch Bildung neuer Lebensmittelpunkte die Fortpflanzung
der Zelle vor sich, allein bald erlöscht auch dieses Flämm-
chen und die siegreichen Kräfte der Massenanziehung, der
Affinität u. s. w. ziehen die Zelle nach und nach in das Reich
der anorganischen Welt herab.
Nur wenigen Zellen im Pflanzenleibe scheint es indessen
vorbehalten zu sein, diese kräftige Lebensregung, wenn auch
nicht für die ganze Dauer, so doch wenigstens für einige Zeit-
momente zur Schau zu tragen. Es sind die Fortpflanzungs-
zellen. Während alle Dauerzellen nur in der Bewegung ihrer
Säfte ihre höhere Natur zu offenbaren im Stande sind, spren-
gen die Fortpflanzungszellen alle Bande und geben sich, wenn
auch nur auf Momente, der freiesten Bewegung hin.
In einigen Reihen des Gewächsreiches, wo, wie wir sa-
hen, der Geschlechtsdualismus noch nicht ausgebildet erscheint,
werden dergleichen Fortpflanzungszellen zu Schwärmzellen,
in anderen Reihen gelangt zwar die eine Fortpflanzungszelle
nicht zu solcher Freiheit, desto ungezügelter bewegt sich aber
die zweite in die Länge gestreckt als Samenfaden (*°), deren
Bewegungen noch lange nicht in ihrem Zusammenhange mit
der Befruchtung erkannt sind. Im Mittelpunkte des Gewächs-
reiches endlich, wohin alle höher entwickelten Pflanzen gehö-
ren, ist diese ursprüngliche Lebensrichtung unter dem Panzer
frei herumschwimmend. Die äusserst feinen wimperförmigen Fortsetzun-
gen der Haut, durch deren Schwingungen die Bewegung hervorgebracht
wird, sind in © über 1000mal vergrössert dargestellt. Man sieht, dass
dieselben von gleicher Grösse sind, und die ganze Oberfläche der eiför-
migen Zelle bedecken. D Eine Gruppe junger keimender Pflänzchen der-
selben Art bei schwacher Vergrösserung.
155
der Zellhaut fast ganz erstickt und
unkenntlich geworden. Wenn diese hö-
here Lebensrichtung der Zelle, wie
wir sehen, eine so durchgreifende Er-
scheinung im Reiche der sprossenden
Wesen ist, aber in so ungleicher In-
tensität erscheint, so kann man wohl
sagen, dass die Ausbildung der Pflanze
mehr von einer freieren Natur ab-
als hinzuführt, und in so ferne sind sich Pflanzen - und Thier-
organismus widerstrebende, sich von einander entfernende
Aeusserungen eines allgemeinen Naturlebens. Sie sind aber
eben so gewiss im Ursprunge gleich, als gerade hier alle
Grenzen verschwimmen und der eine in den anderen übergeht.
Der Schlüssel zu dem Geheimnisse des Pflanzenlebens liegt
somit offenbar in dem ursprünglich gleichen Lebensgrunde der
Thier- und Pflanzenwelt, aus dem zwar Beide entsprossen,
aber sich nach verschiedenen Richtungen abzweigen.
Die thierische Natur ist in der Pflanze gleichsam gefan-
gen genommen und diese Verkerkerung spricht sich in all’
ihrem Sein, in ihrer Bildung und Beziehung zur Thierwelt
aus. Es sind die Thränen der Kypris, das Blut des schön-
sten Jünglings, die in Form und Farbe der Blume uns Weh-
muth zuflüstern. Die klagende Dryade drückt die ganze Seele
der Pflanze aus. —
Fig. 40. A Ein Samenfaden von Asplenium septentrionale von der Mutter-
zelle, in der er entstanden ist, befreit, sich im Wasser mit Hülfe der
Wimperfäden rascher bewegend. Die Vergrösserung beträgt das 1200-
fache der natürlichen Grösse. B Drei Samenfäden von Equisetum arvense
in verschiedenen Lagen, gleichfalls von der Mutterzelle frei. Die Ver-
grösserung beträgt nur 500. C© Ein Samenfaden eben der Mutterzelle
entschlüpfend, von derselben Pflanze. (Nach W. Hofmeister).
156
So erreicht die Pflanze ihre Weltbestimmung in melan-
cholischer Verschlossenheit. Aber derselbe gefesselte, schlum-
mernde Weltgeist, der hier kaum zu athmen wagt, ist es, der
im Thiere die Bande auf immer sprengt, und endlich im
Menschen sein Halleluja singt.
ipiess, Carl, gründliche kurzgefasste Anleitung zur Obstbaumzucht in
Gärten und auf freiem Felde. Für Freunde der Obstkultur verfasst.
er. 12. 1848. br. 40 kr. — 15 'Ngr.
pper, C. L., medieinisch - pharmaceutische Botanik oder Beschreibung
‘ und Abbildung sämmtlicher in der neuesten k. k. österreich. Landes-
Pharmacopöe vom Jahre 1836 ausgeführten Arzneipflanzen; in natur-
historischer, phytographischer , pharmacognostischer und pharmacody-
namischer Beziehung, mit besonderer Rücksicht auf die botanisch-,
pharmaceutischen Synonyme und Verfälschung oder Verwechslung der
abgehandelten Arzneistoffe. Mit ganz getreu gezeichneten und fein
colorirten Abbildungen. Zum Gebrauche für angehende und aus-
übende Aerzte und Pharmaceuten. 1.u. 2. Band. gr. 4. 1841—1842.
brosch. 30 fl..—- 20 Rih:
3er, Fr., Exantheme der Pflanzen und einige mit diesen verwandte
Krankheiten der Gewächse, pathogenetisch und nosographisch darge-
tellt. Mit 7 Kupfertafein. gr. 8.1833. Mit schwarzen Kupf. 3 fl. — 2 Rth.
Mit ıllum. Kupfer. br. 3 fl. 45 kr. — 2 Rth. 15 Neger.
- Grundzüge der Anatomie und Physiologie der Pflanzen. gr. 8.
‘346. 2° fl. — 1’ Bth, S157 Ne
„ L. G. v., Anleitung zum gründlichen Studium der Botanik. Mit
einer Uebersicht über den Bau naturhistorischer Klassifikationssysteme,
einer Kritik des Jussieu’schen und den Grundzügen eines neuen na-
türlichen Systems. gr. 8. 1818. 2 fl. 12 kr. — ı Rth. 22 Ngr.
Druck von Carl Gerold & Sohn.
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L,
New York Botanical Garden Library
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3 51